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Charity-Shopping | Kleiner Reiseführer London

Und, was trägst du so?

Second-Hand-Kleidung spaltet meinen Bekanntenkreis in zwei Lager. Die einen finden es eklig und wenig ansprechend, alte, bereits getragene Kleidungsstücke von Menschen zu tragen, von deren Identität man keinen blassen Schimmer hat. Für die anderen gibt es nichts schöneres, als einen Nachmittag in einem bunten Arsenal von Kleidungsstücken herumzusuchen und vielleicht auch die eine oder andere Kuriosität anzuprobieren oder ein paar begehrte Raritäten zu finden.

Auf mich persönlich trifft zu einhundert Prozent letzteres zu. Neben dem offensichtlichen ethischen und Umweltaspekt, bietet Second-Hand-Shopping einfach viel mehr als ein reguläres Kleidungsgeschäft bieten kann. Außerdem sind die Preise meistens bedeutend günstiger für oft mehr Qualität. In jedem neuen Laden begibt man sich auf eine Schatzsuche und eine kleine bis große Zeitreise zugleich. Ist zwischen all den Stücken vielleicht irgendwo genau das Teil versteckt, was ich schon seit Jahren suche? Wem hat dieses Kleidungsstück schon einmal gehört? Und was haben die Menschen vor einigen Jahren doch noch für komische Dinge getragen?

Dieser Artikel soll kein Plädoyer für Second-Hand-Kleidung sein, sondern vor allem einen Anhaltspunkt für Vintage-Liebhaber und Trödel-Sammler geben, wo man in London gute Second-Hand-Kleidung findet. In Zeiten des Hipstertums und des Vintage-Booms ist Second-Hand-Shopping natürlich in aller Munde. In Deutschland findet man oft kleine „Vintage“-Läden, die Kleidung, Schuhe und Taschen aus Omas Zeiten nach „Hipster-Eignung“ prä-selektieren und zu teils horrenden Preisen wiederverkaufen. Charity-Shops, wie man sie in England an jeder Ecke findet, sind in Deutschland deutlich seltener vertreten. Der Vor- und Nachteil dieser Charity-Shops ist, dass sie Kleidung verkaufen, die man als Normalbürger einfach dort vorbei bringen kann. Das heißt, dass die Kleidung häufig aktueller ist, als in Vintage-Shops. Andererseits gibt es kaum eine Vorauswahl und um das große Los zu finden, muss man sich oft durch Ständer voller Nieten wühlen

Da Charity-Shops ihre Ware durch Spenden beziehen (die Erlöse werden dann an die namensgebende Wohltätigkeitsorganisation gespendet), ist die Qualität der Ware stark von der Nachbarschaft abhängig, in der sie sich befinden. Wer nach Ware mit hoher Qualität zu etwas höheren Preisen sucht, sollte sich also in ein gehobeneres Viertel in London begeben. Wer nach Hipster- oder Vintage-Schätzen schaut, lieber in Gegenden mit viel jungem, kreativem Publikum, wie zum Beispiel in East London.

Bei meinen letzten London-Besuchen habe ich einen Großteil der „Charity-Shop-Hotspots“ abgeklappert und kann euch nun die besten Viertel und Läden empfehlen:

Für Vintage-Queens und Retro-Lover

Deine Einstellung bei Kleidung ist „je älter, desto fescher“? Dann solltest du einen Abstecher nach East London machen. Während man in Charity-Shops kaum richtige Vintage-Kleidung findet, gibt es in den zahlreichen Vintage-Stores, z.B. in der Brick Lane (aka Hipster’s Paradise) eine riesige Auswahl an Kleidungsstücken aus den letzten Jahrzehnten. Viele der Läden betreiben auch sogenanntes „upcycling“, das heißt sie nähen aus alten Kleidungsstücken neues oder funktionieren Teile um. So werden aus alten Männerhemden schnell ärmellose Hemdkleider oder aus alten Levi’s Jeans Hot Pants. Für solche Extras muss man natürlich auch draufzahlen, denn hip sein hat schließlich seinen Preis. Dafür ist die Ware bereits selektiert und oft nach Größen und Kategorien sortiert.

Fazit: Wer auf der Suche nach etwas bestimmten ist und keine Lust auf lange Suchaktionen hat, wird in East London sicher fündig.

Posh, posher, Pimlico!

Als ich das erste Mal durch die Nachbarschaft Pimlico südlich von Buckingham und Westminster lief, war ich baff erstaunt angesichts der schieren Anzahl an Charity-Shops! Wenn man den Warwick Way beginnend an der Ecke zur Vauxhall Bridge Road entlangläuft und hier und da mal in eine Nebenstraße schaut, findet man zahlreiche Second-Hand-Läden, darunter Sue Ryder oder Oxfam. Was an den Läden überzeugt ist die Auswahl und Qualität der Kleidung. Die Preise sind deutlich gehobener, als in anderen Charity-Shops aber dafür findet man überwiegend Markenware in gutem Zustand.

Fazit: Wer nach klassischen und auch aktuellen Kleidungsstücken mit guter Qualität sucht, ist hier richtig.

Mittendrin, statt gut versteckt

Wer nach einem Einkaufstrip in der Oxford-Street zu viel vom kommerziellen Getümmel hat, sollte einen Abstecher in einen Bezirk ein paar Straßen weiter nördlich machen. Zwischen Oxford Circus und dem Regent’s Park liegt der Stadtteil Marylebone. Entlang der Hauptstraße mit dem vielversprechenden Namen „B524“ gibt es eine handvoll gut bestückter Charity-Shops. Da auch diese Gegend relativ reiche Einwohner hat, ist die Kleidung entsprechend hochwertig, teilweise auch ausgefallen. Auch wer nicht so viel Lust auf bereits getragene Kleidung hat, sollte der Gegend einen Besuch abstatten. Liebevoll eingerichtete Restaurants und viele hippe und weniger bekannte Designerläden machen sie perfekt für einen Schaufensterbummel.

Fazit: Wer in der Nähe ist und mal andere (Shopping-)Luft schnappen will, sollte hierher einen Abstecher machen.

Museum oder.. Einkaufen?

Als Julian und ich das erste Mal in London waren, waren wir davor zwei Wochen mit Zelt und Rucksack durch Großbritannien getourt. Das bedeutete, dass unser letzter Tag der Reise (aus Gepäck-Gewichts-Gründen) auch der erste war, an dem ich etwas einkaufen durfte, was nicht essbar war. Somit wählte meine Aktivitäten weise – und verbrachte die letzten Stunden nicht wie Julian im British Museum sondern in Charity Shops, die zum Glück gleich um die Ecke lagen.
Entlang der Goodge Street ab der Kreuzung zur Tottenham Court Road gibt es neben einer Menge Restaurantketten auch einige Charity-Shops. Darunter ein Oxfam und ein YMCA-Shop. Obwohl die Läden recht klein sind, war die Auswahl durchweg gut und der Besuch hat Spaß gemacht. Gekauft habe ich allerdings nichts, wenn ich mich richtig erinnere. Gut so, denn der Rucksack wäre bestimmt aus allen Nähten geplatzt

Fazit: Zentral gelegen, übersichtlich mit ansprechender Auswahl – eine gute Wahl für Gelegenheits-Charity-Shopper oder gelangweilte Museumsbesucher.

 

Wie man sieht hat London eine riesige Auswahl an Second-Hand-Shops zu bieten; da ist für jeden Geschmack und Geldbeutel etwas dabei. Neben den genannten Ansammlungen von Shops findet man in jedem Bezirk mehr oder weniger der besagten Geschäfte. Einfach mal stehen bleiben, gucken, reingehen, suchen, finden – und süchtig werden!

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