England, Reisen, Wales, Weltreise

Das Dach von Wales – Wanderung auf den Mount Snowdon

Wir Menschen vergleichen uns gerne. Immer muss es das Schnellste, Beste oder Tollste sein, damit wir zufrieden sind – und ich bin da keine Ausnahme. „Ich war auf dem Mount Everest“ hört sich einfach nicht so spektakulär an, wie „Ich war auf dem höchsten Punkt der Welt!“ Was lag also näher, als auf unserer Reise den höchsten Berg Irlands zu besteigen? Einiges, denn er war mit dem Zug für uns nicht zu erreichen. Aber der Traum lebte weiter: Wir fassten stattdessen einfach den höchsten Berg Wales‘ ins Auge, den Mount Snowdon. Und den haben wir tatsächlich erstiegen!

Gut, er ist nur 1085 Meter hoch, aber da unsere Wanderung fast am Meer begonnen hat, haben wir am Ende trotzdem fast 1000 Höhenmeter überwunden und waren knapp sechs Stunden unterwegs. Gar nicht so schlecht für zwei Hobbywanderer wie uns. Und ich spreche sowieso immer nur von meinem ersten Dreitausender, wobei ich die Umrechnung von Fuß in Meter aus dramaturgischen Gründen verschweige…

Angefangen hat unsere Reise mal wieder mit dem Wetter. Wir mussten sie einen Tag vorverlegen, da es am Mittwoch den ganzen Tag regnen sollte und am Dienstag wenigstens nur den halben Tag. (Memo an mein jüngeres Ich: Wenn die Wetterseite von 4° Celsius auf dem Gipfel spricht, dann hör auf zu lachen und pack Handschuhe und Mütze ein!) Also brachen wir früh auf, fuhren mit dem Bus von Caernarfon nach Llanberis, um dort pünktlich um 9 Uhr morgens den Aufstieg zu beginnen.

Zunächst lenkt uns jedoch ein Schild ab – „Wasserfall 500 Meter“ steht darauf. Wir gucken uns unschlüssig an, zucken mit den Achseln und beschließen, den kleinen Umweg zu machen. Es geht 500 Meter lang brutal bergauf. Die Aussicht ist ok, wenn auch eher unspektakulär, aber wir sind darauf eingestimmt, was noch kommen mag.

Snowdon-1 2

Auch der richtige Weg schockt uns mit heftiger Steigung auf den ersten paar Metern. Nicht weniger als sechs verschiedene Wege führen auf den Snowdon, wir haben uns für den familienfreundlichen Weg mit gleichmäßiger Steigung entschieden. Gleichmäßige Steigung erscheint mir da schon nicht mehr wie eine Verheißung, sondern wie eine Drohung. Nach zweihundert Metern asphaltierter Straße kommen wir an einer Hütte vorbei, die mit kostenlosem Feuer, Handtüchern und der besten heißen Schokolade in Großbritannien wirbt; davor sitzt ein älteres Ehepaar und fragt uns ebenso schnaufend wie fassungslos, ob das die ganze Zeit so steil bleibe – zumindest vermuten wir das, denn wir haben den breiten Akzent kaum verstanden.

Danach wird es etwas besser, der Weg wandelt sich von asphaltiert zu steinig, die Steigung ist nicht mehr ganz so schlimm. Dafür kommt die Aussicht ins Spiel: Auf einer unserer häufigen Wasser- und Kekspausen drehen wir uns um und sehen hinter uns das beschauliche Llanberis, zwei kleine Seen und einen bedrohlich aussehenden Berg, an dessen Flanke wir Zeuge des Kupferbergbaus der Region werden.

Snowdon-2

Vor uns liegen Berge, Wiesen und Schafe. Stetiger Begleiter bleibt die Frage: „Welcher ist denn jetzt eigentlich der Snowdon?“ Die Antwort bleibt immer die gleiche: „Keiner.“ Denn irgendwo am Horizont geht es immer noch ein Stück höher – und wir wollen ja ganz hoch hinaus.

Weiter geht es an einer ersten kleinen Hütte und an Heerscharen deutlich besser ausgerüsteten Wanderern vorbei nach oben.

Snowdon-5

Alleine sind wir hier nicht, aber das macht uns nichts aus; es herrscht hier nicht dieser lärmende Massentourismus wie an den Cliffs of Moher, sondern die freundliche Gemeinschaft der Bergwanderer. Nur die kläffenden Hunde stören mich alten Angsthasen ein wenig…

Der Weg erreicht jetzt sein steilstes Stück und leider auch eine Nebelwand. Die Aussicht ist schneller weg als wir „Instagram“ sagen können. Stattdessen müssen wir uns einen Schotterweg nach oben kämpfen, der  – laut unserer Erinnerung an ein Hinweisschild weiter unten – bei schlechter Witterung als gefährlich eingestuft wir. Immerhin regnet es nicht, aber spätestens jetzt ist der Gipfel nicht mehr zu erkennen. Wir unterqueren eine alte Eisenbahnlinie und wandern auf der anderen Flanke des Berges weiter.

Die Eisenbahn – eine alte Erlebnisbahn, die laut tutend und gefühlt im Lauftempo an uns vorbei tuckert – ist unsere große Verheißung. Mittlerweile ist a) windig, b) neblig, und c) kalt. 4° waren nicht übertrieben; außerdem sehen wir genau genommen gar nichts. Die Bahn nach unten zu nehmen, klingt da wie die logischste Sache der Welt und Suzie versteigt sich zu der Aussage, notfalls sogar „10, 12 Pfund dafür auszugeben.“

Das einzige, was uns weiterlaufen lässt, ist der Stolz. Uns kommen langsam die ersten Wanderer wieder entgegen, manche haben Hunde dabei, andere zwei kleine Kinder. Ich dagegen trage vielleicht den Nennwert eines Säuglings in Form von Keksen in meinem Rucksack und meine Waden brennen wie verrückt. Also raffen wir uns auf und wandern mit neuer Energie dem Gipfel entgegen. Vor uns taucht ein Wanderer in schnellem Tempo aus dem Nebel auf und ruft uns freudestrahlend zu: „Nur noch 600 Meter, dann gibt es heiße Schokolade!“

„Meter oder Höhenmeter?“, rufe ich zurück, er lacht diabolisch und verschwindet unter uns im Wolkenmeer.

Tatsächlich befinden wir uns auf der Zielgerade. Der Gipfel ist wieder deutlich voller, da sich hier die Wanderer von allen sechs Wegen treffen und dazu ein Haufen Leute mit der Bahn hochfährt. Wir erklimmen eine letzte Treppe, berühren fürs Protokoll das Gipfelkreuz und flüchten in die Bergstation. Es ist immer noch schweinekalt und wir sehen überhaupt nichts. Trotzdem sind wir ein bisschen stolz: Die 975 Höhenmeter haben wir in 2 Stunden und 40 Minuten statt der angedachten 3 geschafft.

In der Bergstation erwartet uns dann der Schock: Die Fahrt nach unten kostet schlappe 22 Pfund, für jeden – natürlich undenkbar für uns. Wir verfluchen unsere Naivität, kaufen uns schnell einen Tee, um wieder warm zu werden, und essen unser Mittagessen auf. Um kurz nach 12 brechen wir wieder auf, in der Gewissheit, dass ab 14 Uhr Regen angesagt ist.

Die ersten Tropfen fallen um 12:20 Uhr. Nach den ersten Flüchen bleibt es jedoch einigermaßen trocken. Dafür hat der Wind, der zur gleichen Zeit aufzieht, etwas sehr Positives: Er bläst den Nebel weg. Auf einmal sehen wir direkt hinter der Bergbahn-Unterführung das schönste Panorama. Ein Bergsee, in Sonne getauchte Hänge, die Silhouette von Llanberris am Ende des Weges.

Snowdon-9

Snowdon-8

Wir bleiben kurz in Ehrfurcht ergriffen stehen, dann klettern wir wieder vorsichtig nach unten. Wieder einmal fühlen wir uns ganz klein, ganz demütig angesichts der Natur um uns herum: Die Aussicht und damit die ganze Wanderung hat sich in Sekundenschnelle um 180 Grad gewandelt. Auch wenn es immer mal wieder anfängt zu regnen, laufen wir frohen Mutes weiter nach unten und nicht einmal die beste heiße Schokolade des Landes und kostenlose Handtücher können uns locken.

Schließlich steigen wir glücklich und erschöpft in den Bus nach Caernarfon ein und setzen einen Haken hinter die bisher härteste Wanderung unserer Reise. Empfehlen können wir die Wanderung auf jeden Fall, raten aber zu einem ausführlichen Check der Wettervorhersage und der eigenen Fitness. Und auch wenn wir auf dem Gipfel nichts, aber auch gar nichts gesehen haben, eine Sache kann uns keiner mehr nehmen: Wir waren ganz oben, auf dem Dach von Wales.

Leave a Reply