Irland, Reisen, Weltreise

Ein Lob der Einsamkeit – Cliffs of Moher

Die Cliffs of Moher sind DIE nationale Sehenswürdigkeit Irlands und ein wahr gewordenes Postkartenmotiv. Die meisten Länder haben so ein National-Heiligtum: Frankreich den Eiffelturm, Amerika die Freiheitsstatue, Indien das Taj Mahal. Leider haben uns diese Sehenswürdigkeiten in der Vergangenheit oft mit gemischten Gefühlen zurückgelassen; ich erinnere mich noch zu gut an das Schloss Versailles, in dem man sich eingezwängt von den Menschenmassen nicht mal an der Nase kratzen kann. Über die Cliffs of Moher habe ich im Auslandssemester Ähnliches gehört und längst nicht alle meine Bekannten fanden ihre Tagestrips dorthin lohnend: „Beeindruckende Aussicht“, sagten die einen, „Überlaufen und bei schlechtem Wetter langweilig“, die anderen. Suzie hatte von solchen Bedenken noch nichts gehört und bestand darauf, dass wir uns die Klippen nicht entgehen lassen.

Also fuhren wir von Kinsale aus über Limerick nach Doolin, wo der nächste Campingplatz bei den Klippen liegt. Schon die Busfahrt dorthin war faszinierend: Über eine Ruckelpiste ging es durch Hügel und Heidelandschaft, die Natur ist im Westen rauer und wilder als im Süden der Insel. Unsere Vorfreude stieg.

Der letzte Bus-Stopp vor dem Camping-Platz war das Visitor Centre, das abseits vom Meer in die Klippen eingebaut ist. Der Anblick war erschreckend. Dutzende, Hunderte Touristen drängten sich zur Mittagszeit in den Souvenirshops und in die Begleitausstellung, auf dem schmalen Weg nach oben zu den Klippen hatte man keine Chance, das Geländer zu berühren. Die Unkenrufe meiner Bekannten schienen sich zu bestätigen.

Als wir endlich in Doolin angekommen waren, beschlossen wir daher, das Ganze anders anzugehen. Auf das Standard-Programm (Bus hin, Klippen sehen, Ausstellung besuchen, Bus zurück) hatten wir keine Lust. Stattdessen wollten wir den Sonnenaufgang über den Klippen sehen – so versuchte ich Suzie das ganze zumindest schmackhaft zu machen. Für den nächsten Morgen wurde er auf präzise 6:27 Uhr angekündigt….

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Um 5:50 Uhr klingelt also der Wecker. Suzie grummelt und auch mir kommen Zweifel an der Sinnhaftigkeit unseres Vorhabens, aber jetzt ist es zu spät. Wir laufen zunächst eine Weile ins Landesinnere in den Ortskern von Doolin, wo der 8 km lange Cliff-Walk beginnt. Die erste Klippe haben wir am Tag zuvor schon vom Zeltplatz aus sehen können und der Anblick hat unsere Vorfreude durch die Decke gehen lassen.

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Irland denkt sich derweil, uns auf dem Weg zur größten irischen Sehenswürdigkeit auch mit irischem Wetter beschenken zu müssen. Es regnet und stürmt und Suzie grummelt ein bisschen lauter. Und noch eine zweite Enttäuschung hält der Morgen für uns bereit: Der Sonnenaufgang ist a) gar nicht über dem Meer und b) hinter einer Wolkendecke verborgen. Soviel dazu… Suzie behauptet, sie hätte das von vorneherein gewusst und ich frage mich, wie ich denken konnte, dass die Sonne an der Westküste über dem Meer aufgeht. Ansonsten hat sich das frühe Aufstehen aber gelohnt. Bis auf einen Schäfer, der leise Mundharmonika spielt, treffen wir keine Menschenseele. Wie gut das tut, kann man sich gar nicht vorstellen; die Welt schläft im wahrsten Sinne noch als wir Doolin verlassen und die Klippenpfade erreichen.


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Der Cliff-Walk ist wenig mehr als ein platt getrampelter Pfad, der uns langsam bergauf führt. Schon nach wenigen Meter erreichen wir die ersten Klippen, kleine allerdings, aber schon hier beeindruckt uns das Schauspiel, wie die Wellen gegen die Felsen branden. Und am Horizont sehen wir ja schon Klippen, die mindestens doppelt so hoch sind wie diese.

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Der Weg führt weiter über Bäche, Schafweiden und kleine Felsen, über uns gleiten Seevögel durch die Luft. Ansonsten stört nichts und niemand die Idylle. Es gibt keine Bänke, keine Mülleimer oder Unterstände (leider, denn es schüttet wie verrückt) – einfach nur Natur wie sie sein sollte. Schließlich macht der Küstenverlauf einen kleinen Schwenk. Dahinter ragt eine mächtige Steilwand aus dem Wasser, vor der weiße Punkte umherschwirren. Haubentaucher. Hunderte! Ein majestätischer Anblick, wie sie trotz der Böen in der Luft zu stehen scheinen und in winzigen Nestern direkt in den Steilklippen nisten. Hier oben wimmelt es nur so von ihnen; genau genommen sind es 1300 Stück, wie uns ein dezentes Informationsschild verrät. Einigermaßen ergriffen frühstücken wir erst einmal und genießen das Naturschauspiel. Beeindruckend, dass unmittelbar neben der größten Sehenswürdigkeit des Landes ein Naturreservat liegt…

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Frisch gestärkt wandern wir weiter die Klippen hinauf. Dort steht uns eine Überraschung bevor: Was wir (ich um genau zu sein, wie Suzie korrekterweise anmerkt) für die Cliffs of Moher gehalten haben, war tatsächlich nur eine mittelhohe Klippe unmittelbar davor. Vor uns geht es immer weiter sanft bergauf und erst dahinter erstreckt sich das eigentliche Klippen-Areal. Zwischen uns und dem Ziel liegt allerdings eine vom Regen matschige Kuhweide, durch die etwas führt, was näher am Bach als am Pfad ist. Immerhin hat es aufgehört zu regnen; trotzdem ist dieser Teil des Weges kein Vergnügen. Aber auch der hüfthohe Elektrozaun, den wir übersteigen müssen nachdem wir eine Abzweigung verpasst haben, kann uns nicht aufhalten. Danach folgt noch einmal eine steile Treppe, die wir uns mit letzten Kräften hinaufschleppen.

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Dahinter: Wow.

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Vor uns kracht Irland senkrecht in die Tiefe; dahinter verläuft der Pfad in Wellen am Rande der Klippen. Fünf, sechs Klippen hintereinander bilden die Küste, davor strecken einzelne Felsen ihre Finger aus dem Wasser. Die Wellen, weiter unten noch wild und bedrohlich, wirken von hier oben sanft und gleichmäßig. Überhaupt ist der Atlantik nicht mehr als eine endlose Masse dunklen Blaus, hier und da durchsetzt von ein paar helleren Flecken. Auch hier gleiten die Haubentaucher durch die Luft. Ein beeindruckendes Panorama. Als ob Irland beschlossen hätte uns für einen kurzen Moment seine ganze, ungetrübte Pracht zu zeigen, verziehen sich die wenigen Wolken und nichts versperrt mehr die Aussicht. Der Anblick erschlägt uns beinahe und ein paar Minuten stehen wir einfach nur ergriffen nebeneinander und genießen das Alles. Das Gefühl ist unbeschreiblich: Einerseits fühlen wir uns ganz klein und demütig, andererseits so stark als ob wir fliegen könnten. Auch hier oben sehen wir niemanden; es ist mittlerweile 9 Uhr und unter uns im Visitor Centre kommen gerade die ersten Reisebusse an.

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Danach, das will ich nicht unterschlagen, kippte die Wanderung ein wenig. Da wir klitschnass waren, stiegen wir erst einmal hinunter ins Visitor Centre und tranken einen Tee. Als wir endlich wieder oben waren, regnete es – stark und die nächsten zwei Stunden am Stück. Der Wind peitschte so hart, dass er im Gesicht weh tat und die Klippen verschwanden bald hinter uns im dichten Nebel. Nach weiteren zwei Stunden Wanderung wollten wir dann einen Bus zurück zum Visitor Centre nehmen, verpassten ihn aber um 15 Minuten. Da der nächste erst in anderthalb Stunden fuhr, liefen wir kurzerhand die Straße entlang zum Visitor Centre, das wir kurz nach 1 Uhr erreichen. Erst um kurz nach 2 waren wir dann, immer noch klitschnass, wieder am Campingplatz.

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Die Wanderung im Morgengrauen war, so unsicher wir uns auch waren, eine unserer besten Ausflüge in Irland. Ich glaube nicht, dass die Klippen im Gedränge der Menschen, nach einer stundenlangen Busfahrt, mit Tourguide, die selbe majestätische Wurde entfaltet hätten. Wir dagegen sind über Stock und Stein gelaufen, durch strömenden Regen und windige Böen, nur um überhaupt zu den Klippen zu kommen – wir haben uns diese Aussicht erarbeitet! Und als Belohnung hatten wir diesen atemberaubenden Anblick ganz für uns alleine. Die Schönheit der Welt liegt meistens jenseits der üblichen Wege…

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