Asien, Random, Reisen, Thailand, Weltreise

Thailand – ein Fazit

Laut, dreckig, chaotisch. Das war unser erster Eindruck von Thailand. Die ersten Tage in Bangkok haben wir uns gefühlt wie Beobachter einer Freak-Show. Erst nach einer gewissen Eingewöhnungszeit ist es uns gelungen, einfach in den Trubel einzutauchen und mitzuschwimmen. Wir haben uns daran gewöhnt, auf Plastikhockern an der Hauptstraße zu essen und uns zwischen Motorrädern, Autos, Bussen – zu Fuß oder auf dem Roller – durch den Verkehr zu schlängeln. Das Chaos ist zur Normalität geworden. Inzwischen setzen wir uns an irgendeine Garküche auf der Straße und schauen, was wir serviert bekommen – ganz ohne Nervenkitzel. Wenn wir einen Tempel oder ein Restaurant betreten, streifen wir ganz automatisch die Schuhe ab (die Thailänder haben eine Aversion gegen Füße/Schuhe).

Den meisten, die schon längere Zeit in Asien verbracht haben, wird es wahrscheinlich genauso gehen. Und nur so kann ich mir erklären, wie das Leben hier funktioniert. Die Menschen sind nämlich augenscheinlich viel weniger gestresst als wir im Westen – trotz des wahnsinnigen Chaos um sie herum. Hier fehlt einfach der Perfektionismus, den wir in Deutschland nur zu gut kennen; die Dinge hier funktionieren selten reibungslos, sondern so wie sie es eben tun.

Häuser und (fahrbare) Restaurants werden aus Planen, Stangen und was halt sonst noch so herumliegt gezimmert. Essen wird serviert, wenn es fertig ist – da die meisten Garküchen und manche Restaurants nur eine Kochstelle haben, kann man eigentlich nie gleichzeitig mit dem Essen anfangen. In Deutschland ein kleiner Skandal. Anstatt Takeaway-Gerichte wie Curries oder Suppen aufwändig zu verpacken, werden sie einfach in Plastiktüten gefüllt und fest verknotet. In kleineren Tüten gibt es dann Saucen oder Gewürze dazu. In den Städten kochen die meisten Menschen nicht selbst, sondern nehmen beispielsweise auf dem Heimweg von der Arbeit einfach bei den Garküchen Essen mit. Die meisten Roller sind daher zu dieser Zeit mit mehreren Plastiktüten behängt.

Thailändische Eltern fahren keinen Kombi – warum auch? Vier Personen passen doch locker noch auf einen Motorroller. Wenn es mehr werden, eignet sich ein Pick-Up ganz hervorragend für Familie, Nachbarn und alle, die sonst noch mitfahren möchten. Unzählige Male haben wir auf den Straßen Laster gesehen, auf deren Ladefläche ein halbes Dorf an uns vorbeigefahren kam. Kinder haben sowieso einen anderen Stellenwert als in unserer Kultur. Da kann es schon einmal vorkommen, dass das blonde Baby westlicher Touristen herzlich von einer Restaurantbesitzerin auf den Arm genommen und kurzerhand über die Straße „entführt“ wird, um es ihrer Nachbarin zu zeigen.

Die Thailänder sind sehr kinderlieb und dennoch scheinen sie deutlich weniger Angst um ihren Nachwuchs zu haben, als wir es gewohnt sind. Dabei muss man nicht einmal an Helikopter-Eltern denken – in Deutschland ist vieles was hier Alltag ist, einfach gar nicht möglich. Dreijährige mit aufs Moped nehmen oder mit einem Säugling auf dem Arm im Pick-Up mitfahren wäre bei uns nicht nur undenkbar, sondern auch illegal. Einen Kindersitz hingegen haben wir hier noch nie gesehen.

Oft wurden wir auch in Restaurants von jüngeren und älteren Kindern bedient, die einfach automatisch im Betrieb der Eltern mithelfen und teilweise beeindruckend gut Englisch sprechen. Eine Schulpflicht gibt es hier zwar, allerdings nur von sechs bis vierzehn Jahren. In einer Firma für andere, fremde Menschen zu arbeiten, kommt den Leuten hier seltsam und ungewöhnlich vor.

Auch die Uhr tickt etwas anders, als wir es gewohnt sind. Man hat den Eindruck, es gäbe keine festen Termine oder Verabredungen. Der Bus zum Beispiel fährt los, wenn er voll ist – da wäre ein Fahrplan auch überflüssig. Aber das Warten stört hier keinen; noch nie ist uns jemand ungeduldig erschienen. Außer vielleicht die Rollerfahrer, obwohl diesen das geschickte Umfahren von Hindernissen, Fußgängern und Staus fast Spaß zu machen scheint.

Wobei – einen festen Termin gibt es dann doch. Jeden Tag um 8:00 und 18:00 Uhr spielen Radios, Fernseher und Lautsprecher in öffentlichen Gebäuden (z.B. Bahnhöfen) die Nationalhymne. Dann erheben sich alle Thais, wirklich jeder, und hören ergriffen zu. Als uns das zum ersten Mal am Bahnhof in Bangkok passiert ist, haben wir uns gefühlt wie auf einem anderen Planeten. Patriotismus ist tief verankert in der thailändischen Gesellschaft und dementsprechend hart hat der Tod des beliebten Königs Adulyadei Bhumibol das Land getroffen. Seine Beerdigung eine Woche nach unserer Abreise hat über 80 Millionen Euro gekostet. Die Trauernden sind schon nachts auf die Straßen gekommen, um sich die besten Plätze für die Trauerzeremonie zu sichern. Kann man sich nicht vorstellen? Schon, aber jetzt stellt euch ein England unter einer Militärdiktatur vor, das rasanten wirtschaftlichen Aufschwung und politische Unruhen erlebt – und dann stirbt morgen die Queen.

War Thailand also ein Kulturschock? Für uns war das Land eher eine faszinierende Erfahrung. Viele Unterschiede haben uns die Augen geöffnet für unsere eigene (sonderbare) Kultur in Deutschland beziehungsweise in westlichen Ländern. Allein wie Religion hier funktioniert, mit all den lauten, die Sinne überfordernden Tempeln und Goldstatuen – anstatt der ruhigen, ehrfurchtgebietenden Kirchen, die wir gewohnt sind. Aber auch wie ernst wir uns selbst, unsere Vorstellungen und Wünsche oft nehmen – den östlichen, eher kollektivistischen Kulturen ist das scheinbar fremd. Die Gemeinschaft steht hier immer über dem Individuum.

Andere Dinge treiben uns schier zur Verzweiflung. Etwa, dass sich in jeder kleinen Gasse Berge aus Müll und Plastikflaschen auftürmen. Das zu vermeiden ist schwer, gibt es doch Trinkwasser nur in Plastikflaschen (Pfand gibt es hier nicht, selten Mülltrennung) und Plastiktüten sind so etwas wie bei uns die Brotbox. An vielen Straßenecken sammelt sich regelrecht der Müll und selbst, wenn alles im Mülleimer landet, wird gefühlt ein Vielfaches von dem produziert, was wir aus Europa kennen.

Das klingt alles nach einer einzigen riesigen Freak-Show, aber das trifft das ganze nur bedingt. Weil man die kulturellen Besonderheiten der Menschen so klar akzentuiert sieht, nimmt man auch viel besser wahr, was darunter übrigbleibt: ganz normale Menschen wie du und ich.

Als Reisender hat man natürlich eine etwas andere Perspektive auf ein Land, da man sich ohne geregelten Alltag an viele Gegebenheiten einfach anpassen kann, aber Thailand hat es uns wirklich leichtgemacht, uns einzugewöhnen. Nicht umsonst wird es so häufig als perfektes Einstiegsland für Südostasien empfohlen. Die Menschen sind freundlich und sprechen gut Englisch, das Essen ist unglaublich lecker, die Landschaft vielfältig und die Infrastruktur lädt zum Herumreisen ein. Heimweh hatten wir bisher noch nicht.

Natürlich sind wir immer wieder in Fettnäpfchen getreten – wahrscheinlich ohne es zu wissen –, aber wo ist das Problem? Die Leute verzeihen einem fast alles, wenn man freundlich ist und lächelt, so wie sie auch freundlich sind und lächeln. Im Gegensatz zu Deutschland ist Gastfreundschaft in Thailand allgegenwärtig. Auch wenn es uns oft chaotisch erschien, ist Thailand ein entwickeltes und im Vergleich zu vielen anderen Ländern auch ein reiches Land. Wir werden es in guter Erinnerung behalten und planen fest, wiederzukommen.

 

Leave a Reply