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Reise-Update & ein (verspätetes) Fazit zu Malaysia

Diesem Artikel muss ich ein kurzes Update voranstellen, damit ihr, die uns nicht auf anderen Kanälen folgt, auch auf den neusten Stand kommt. Alle andern können diesen Abschnitt natürlich überspringen.

In Malaysia haben wir uns recht spontan entschieden, als nächstes Taiwan zu bereisen. Ein Land, das wir bisher nicht auf dem Schirm hatten, das uns jedoch intuitiv angezogen und neugierig gemacht hat. Also fuhren wir von Melaka direkt wieder nach Kuala Lumpur und wählten die nächste und günstigste Flugverbindung nach Tainan, einer Großstadt im Süden Taiwans. Über das Land will ich nicht allzu viel vorausnehmen, da noch ein Artikel darüber folgen wird. Allerdings wurden unsere Reisepläne in dem Monat, den wir dort verbrachten, ordentlich über den Haufen geworfen. Gleich am ersten Tag in Taiwan konnte Julian auf einmal mitten auf der Straße nicht mehr laufen und wir erlebten unseren ersten und hoffentlich letzten taiwanischen Krankenwagentransport. Julians Zustand hat sich während des Monats, den wir insgesamt in Taiwan verbrachten, nicht mehr großartig verändert. Deshalb sind wir dann am 30.12.17 – pünktlich nach Weihnachten – zurück nach Deutschland geflogen, um eine bessere medizinische Versorgung für den Fuß zu erhalten.

Nach drei Wochen in Deutschland ging es Julians Fuß schon besser, er kann inzwischen zum Glück wieder ohne Hilfsmittel laufen. Auch wenn die Ursache der Verletzung nach zahlreichen Arztterminen noch ein Mysterium bleibt, haben wir beschlossen, die Wartezeit bis zum nächsten Termin zu nutzen und wieder zu verreisen – wenn auch in nicht ganz so exotische Gefilde. Und so kommt es, dass ich aus einem Café im winterlich-kalten Prag das Fazit zu Malaysia schreibe – dem exotischsten Land, in dem wir bisher waren.

Aber bevor es nun mit Malaysia weiter geht möchte ich noch kurz Julians neue Autoren-Website verlinken – da seht ihr, was wir in den letzten zwei Monaten sonst so gemacht haben.


Über Malaysias Sehenswürdigkeiten haben wir schon viel geschrieben. Aber was uns in diesem Land besonders fasziniert hat, war die Kultur. Gleich die ersten zwei Wochen haben wir via Workaway bei einer chinesisch-malaiischen Gastfamilie verbracht. In Alor Setar – einer Stadt im Norden, nahe der thailändischen Grenze – waren wir die einzigen westlich aussenden Menschen. Zumindest haben wir in den zwei Wochen keine anderen getroffen. Im Gegensatz zu unserer bisherigen Reise waren wir nicht mehr von Touristen umgeben, sondern lebten direkt bei den Einheimischen. Die chinesisch-malaiische Kultur haben wir also hautnah miterlebt und das hat uns beeindruckt und nachhaltig beeinflusst.

Dass wir die Kultur nicht nur beobachtet haben, sondern auch verstehen und hinterfragen konnten, lag nicht zuletzt an unseren wunderbaren Gastgebern. Jean und Kenny, die vor uns schon dutzende Couchsurfer und Workawayer bei sich aufgenommen hatten, beantworteten unsere neugierigen Fragen und machten uns mit Essen, Brauchtum und Überzeugungen des Landes vertraut. Malaysia ist nämlich ein wahrer Schmelztiegel der Kulturen: Neben der malaiischen (muslimischen) Mehrheit gibt es eine große chinesische und eine etwas kleinere indische Minderheit. Diese drei Gruppen sprechen verschiedene Sprachen und haben völlig unterschiedliche Weltanschauungen, beziehungsweise Religionen.

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Kulturelles Miteinander oder Segregation?

Oft wird Malaysia von westlichen Touristen als tolles Vorbild beschrieben, was Integration und Toleranz betrifft. Ein gutes Symbol für diese vermeintlich friedliche Koexistenz ist die „Street of Harmony“ in George Town, in der eine Moschee, eine Kirche, ein Hindutempel und ein chinesischer Tempel direkt nebeneinander stehen. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Obwohl es oft angenommen wird, ist Malaysia kein islamisches Land, der Islam ist aber die vorherrschende Religion. Wenn wir es richtig verstanden haben, wird jeder Bundesstaat von einem Sultan regiert, die dann zusammen den Sultan des Landes wählen. Gleichzeitig gibt es eine demokratisch vom Volk gewählte Versammlung. Für uns wirkte die politische Aufstellung des Landes auf jeden Fall sehr kompliziert… In der Verfassung ist festgehalten, dass alle Bürger ihre Religion ausleben dürfen. Dennoch gibt es Versuche, diese Freiheit einzuschränken. So wollen malaiische Politiker zum Beispiel durchsetzen, dass das islamische Recht – also die Sharia – für alle gilt, auch für Chinesen und Inder. Unsere Frage, ob Dieben demnach die Hand abgehackt werden würde, bejahte unsere Gastgeberin. Allerdings fand sie das nicht weiter schlimm: In Malaysia ist man selbst schuld, wenn man klaut und muss mit den Konsequenzen leben – die sind schließlich vorher bekannt. Die Denkweise, dass Straftäter „von der Gesellschaft zu Kriminellen gemacht wurden“ klang für Jean und Kenny absurd. Aber dazu später mehr.

Chinesen und Moslems haben viele gegensätzliche Ansichten, was das Zusammenleben nicht gerade unkompliziert macht. Erschwerend kommt hinzu, dass Malaien normalerweise kein Chinesisch beherrschen und die meisten Chinesen in Malaysia nur schlecht Malaiisch sprechen. Wie auch, gehen doch schon chinesische Kinder auf chinesische Schulen. Diese Segregation zieht sich durch alle Altersschichten. Es gibt mehr getrennte als gemischte Wohngegenden und die Ethnien bleiben lieber unter sich.

Auch im Alltag gibt es große Unterschiede, hier als Beispiel Chinesen versus Malaien: Während Moslems in Malaysia kein Schweinefleisch essen und keinen Alkohol trinken – in Supermärkten gibt es mit Türen abgetrennte Abteilungen für diese Waren – gehört beides für die Chinesen zu jedem guten Familienfest dazu. Malaiische Frauen tragen schon ab einem jungen Alter ein Kopftuch und sind konservativ gekleidet; chinesische Frauen dagegen sieht man dank tropischer Temperaturen mit kurzer Kleidung und Sandalen.

Ein kurioser Unterschied ist auch, dass für Malaien Hunde „dreckig“ sind und streunende Hunde aus den Wohngegenden verjagt werden. Jean erzählte uns eine Anekdote, in der ein besonders treuer Straßenhund einen Einbrecher von dem Haus einer malaiischen Familie verjagte. Der dort wohnende Malaie war nun einem großen Dilemma ausgesetzt: Einerseits wollte er dem Hund danken, anderseits war es ein dreckiges, verachtenswertes Geschöpf für ihn und er hätte sein Gesicht verloren, hätte er sich um ihn gekümmert. Also steckte die Familie ihm als Dank heimlich Essensreste zu. Für einen Chinesen wäre diese Situation kein Problem gewesen, denn Berührungsängste mit Hunden gibt es nicht.

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Zensur & Heldenbilder

Obwohl Malaysia ein demokratisches Land ist, könnte die politische Situation kaum unterschiedlicher zu unserer in Deutschland sein. Was wir besonders interessant fanden, ist der Umgang mit Zensur. Für Jean und Kenny ist es vollkommen normal, nichts von dem zu glauben, was in der Presse steht. Sie gehen davon aus, dass Nachrichten zensiert und Zahlen gefälscht sind. Informationen ziehen sie eher daraus, was nicht in der Presse erwähnt wird… Der Inhalt der Informationen geht Hand in Hand mit der Mentalität der Malaien. Korruption und Bestechung gehören zum Alltag und während man sich über korrupte Politiker beschwert, gratuliert man sich selbst zu jeder Trickserei. Wenn man in eine brenzlige Situation kommt, versucht man immer, sich herauszureden – Beamte erwarten geradezu, bestochen zu werden. Ein schönes Beispiel kommt von unserer Gastgeberin Jean: Sie bezahlt seit Jahren ihre Strafzettel fürs Falschparken nicht, weil sie weiß, dass sie sich im Gerichtsfall dank schlechter Beweislage sowieso problemlos herausreden könnte.

Als die Sprache auf Vorbilder und Helden kam, fanden wir heraus, dass es in asiatischen Kulturen nicht erstrebenswert ist, „stark“ zu sein und quasi im Alleingang die Welt zu retten (wie in den meisten westlichen Heldenepen). Stattdessen werden gewitzte Menschen gefeiert, die mit Raffinesse und auch Trickserei an ihr Ziel gelangen. Es ist wichtig, schlau zu sein statt mutig (Slytherin versus Gryffindor?) und mit Intellekt statt Stärke Schlupflöcher ausfindig zu machen. Deshalb, so meinten Jean und Kenny, ist auch das Glücksspiel so beliebt in China: Es ist bewundernswert, wenn Menschen gut rechnen können und  die Statistik des Spiels gut beherrschen. Glücksspiel ist also vielmehr ein Wettbewerb darum, welcher der Teilnehmer am schlausten ist.

Für uns war diese Mentalität – angefangen von der Zensur bis hin zum Glücksspiel – zunächst sehr fremd und wir urteilten unbewusst, dass das irgendwie „falsch“ und „schlecht“ sein muss. Aber je länger wir mit Jean und Kenny sprachen, desto klarer wurde uns, dass es einfach eine Einstellungssache ist. Wenn selbst die Regierung korrupt ist, ist es verständlich, dass Trickserei auch im Alltag die Regel ist. Einen eingebauten Moralkompass wie wir Deutschen – die ja bekanntermaßen trotz leerer Straße an roten Ampeln warten – haben die Leute dort einfach nie mitbekommen und deshalb wird auf moralisches Heldentun auch einfach kein Wert gelegt.

Erziehung & Bildung

Ein Thema, bei dem der Perspektivenwechsel uns nicht so leicht fiel, ist die Bildungssituation. Auch hierzu gibt es eine schöne Anekdote von Jean: Vor einigen Jahren wurde in den malaiischen Medien berichtet, dass in Schweden lebende malaiische Eltern ihr Kind zu Erziehungszwecken geschlagen haben und es in Schweden zu einem Skandal gekommen ist. Das wiederum war in Malaysia dann eine Schlagzeile. Für uns war der Fall sonnenklar: Kinder zu schlagen, sowas gehört vom Staat verboten! Das kann doch nicht lernförderlich sein, das wissen wir genau. Nicht umsonst haben wir beide stundenlang pädagogische Psychologie gebüffelt.

In Malaysia ist die Erziehung aber Privatsache – wie in vielen asiatischen Kulturen. Dabei betonen Jean und Kenny, dass es nicht das Ziel ist, die Kinder zu verletzen oder ihnen ernsthaft weh zu tun. Es ist aber durchaus normal, Kindern mit Schlägen auf die Handfläche Disziplin beizubringen. Auch in der Schule (auch wenn die Situation da heute nicht mehr so „krass“ ist wie noch vor zehn Jahren) wird das praktiziert. Angst haben die Kinder dabei nicht vor den Schlägen, sondern vor der Bloßstellung vor den Mitschülern oder der Familie. Aus asiatischer Sicht gibt der Erfolg der Methode Recht: Vor allem in China garantieren diese Disziplinarmaßnahmen, dass alle Kinder eine gute Bildung erhalten. Bei solchen Methoden „vergisst“ niemand seine Hausaufgaben. Und in einem Land wie China ist Bildung tatsächlich das höchste Gut, das Eltern ihren Kindern mitgeben können. „You gotta do what you gotta do“, war Jeans Kommentar zur Chinesischen Überwachungspolitik. Die 1,3 Milliarden Einwohner muss man schließlich irgendwie unter Kontrolle behalten. Allerdings räumte sie auch ein, dass natürlich einige lernschwache Kinder bei dieser Methode durch das Raster fallen.

Für uns war es sehr schwer, die Welt einmal durch diese Brille zu betrachten. Aber genauso wie in unserer irischen Gastfamilie, in der die Kinder nicht einmal in die Schule gehen mussten und völlig frei lernen durften, waren Jeans und Kennys Töchter zufriedene und glückliche Kinder. Und selbst in dieser – für chinesische „Tiger Mum“ Verhältnisse – extrem liberalen Familie, in der den Kindern Hobbys wie Klavierspielen völlig freigestellt waren, beherrschte die jüngste Tochter mit ihren neun Jahren fließend Mandarin, einen weiteren chinesischen Dialekt, sprach sehr gut Englisch und Malaiisch und lernte in der Schule gerade Koreanisch… Womit sie in einem Schwellenland wie Malaysia wohl auch in Zukunft ein glückliches Leben führen kann – eher wohl, als wenn ihr das Lernen völlig freigestellt wäre.

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Entwicklungsstatus

Malaysia kann man momentan am ehestens als Schwellenland bezeichnen, das auf dem Weg zu einem Industriestaat ist. Über „Hot Topics“ in Deutschland wie Gleichberechtigung (z.B. Gender Pay Gap) oder Umweltschutz (z.B. Palmöl) können Jean und Kenny nur lachen. In Malaysia gibt es immer noch viele Menschen, die kaum überleben, so etwas wie eine Grundsicherung gibt es nicht. Dennoch hat die Regierung große Pläne und vor allem in der Metropole und Hauptstadt Kuala Lumpur sieht man, wohin die Reise gehen soll.

Im Vergleich zu Thailand erschien uns Malaysia sehr modern und fortschrittlich. Die Infrastruktur ist gut, die Straßen neu und man sieht mehr Autos als Roller auf den Straßen. Es gibt sogar eine Anschnallpflicht – zumindest auf dem Papier. Deutsche Autos sind übrigens sehr prestigeträchtig, unter anderem weil sehr hohe Steuern auf Mercedes und Co. erhoben werden. Die Gebäude entsprechen eher westlichen Standards und es gibt Gesetze, die beispielsweise Sauberkeitsstandards für Garküchen und Restaurants festlegen.

Jean und Kenny kommentierten diese Entwicklung eher kritisch. Ihrer Meinung nach sind die Einwohner Malaysias eher gemütlich drauf und arbeiten wenig – im Gegensatz zu Deutschen und Japanern zum Beispiel. Das liegt unter anderem an den ganzjährig drückend heißen Temperaturen und der langen Regenzeit. Gleichzeitig ist Malaysia mit seiner Lage am Äquator ein Land, in dem man gar nicht viel arbeiten muss, um ein gutes Leben zu führen. Früchte, Gemüse und Knollen wachsen im Überfluss und ein Garten und ein paar Stunden Arbeit am Tag können in der Theorie eine mehrköpfige Familie ernähren. Die Menschen sind es gewohnt, wenig zu arbeiten, weil sie eigentlich gar nicht viel tun müssen.

Mit der Modernisierung und Anpassung an den Westen lernen die Malaien allerdings ganz neue Standards kennen. Die Menschen wollen auf einmal arbeiten, „weil man das eben so macht“. Nicht, weil sie es müssten. Und so ziehen mit höheren westlichen Standards auch Stress und Unzufriedenheit ins Land ein. Für uns war es eine der interessantesten Beobachtungen, dass die Menschen in Thailand und auch Malaysia (und sogar Taiwan) deutlich weniger gestresst wirkten als in uns bekannteren Kulturen. In Malaysia haben wir ein viel besseres Verständnis dafür entwickelt, wie unser Umfeld und unsere Kultur Stress begünstigen können…

Aber nicht nur der Drang zur Arbeit verändert das Land. Da Jean und Kenny in der Lebensmittelsicherheit arbeiten, haben sie auch in diesem Bereich viele Veränderungen festgestellt. Anscheinend möchte der malaiische Staat westliche Hygienestandards umsetzen, ohne allerdings Rücksicht auf die Gewohnheiten der Malaien zu nehmen. Wer in Malaysia auf dem Markt einkaufen geht – und das tun die meisten, trotz Supermarkt-Ketten wie Tesco und Co. – der findet neben Gemüse auch Fleisch und Fisch ungekühlt auf Tischen herumliegen, oft für mehrere Stunden. Wohlgemerkt bei Temperaturen um die dreißig Grad. Da sieht man auch schon mal Fliegen herumschwirren und nicht selten streichen einem ausgehungerte Straßenkätzchen um die Füße. Aus westlicher Sicht ein Skandal, genau wie ungekühlte Buffets in der prallen Sonne und ähnliche Krankheitsherde.

Aber für die Leute vor Ort ist das absolut kein Problem. Sie sind immun gegen alle Bakterien, weil sie und ihre Vorfahren diese seit Jahrzehnten gewohnt sind. Auch das Leitungswasser bereitet den Einheimischen keine Probleme, während viele Touristen sich nicht einmal trauen, sich damit die Zähne zu putzen. Wir waren selbst erstaunt, denn trotz zahlreicher Warnungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis hatten wir nie ernsthafte Probleme durch Essen und Getränke an Straßenständen oder aus Restaurants, die hier in Deutschland nie zugelassen werden würden. Ob es nun gut ist, dass die Malaien gegen alle Bakterien immun sind und wir im Westen uns nicht mal die Zähne mit ihrem Trinkwasser putzen können, wissen wir nicht. Aber wir fanden es spannend, mal darüber nachzudenken. Mehr Regulationen bieten zwar mehr Sicherheit, aber erhöhen nunmal auch das Stresslevel im alltäglichen Leben. Ich denke, jeder, der in Deutschland schon einmal bei einer Behörde war oder gar ein (Lebensmittel-)Geschäft eröffnen wollte, kann dem zustimmen.

Ihr seht, der „Kulturschock“ (im positiven Sinne) in Malaysia hat uns fasziniert. Ich könnte noch lange weiterschreiben, über essbare Vogelnester, traditionelle Chinesische Medizin oder K-Pop… Aber das vielleicht ein andermal.

 

 

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