Australien, Gedanken, Random, Reisen, Weltreise

Wir, Bernie und die Great Ocean Road

Das mit den Großstädten ist bei uns echt eine On-Off-Beziehung. Wenn wir dort sind, malen wir uns das urbane Leben in den buntesten Farben aus. Wir schwärmen vom riesigen kulturellen Angebot und den zahlreichen Parks, spähen neugierig in duftende Restaurants und hippe Cafés. An jeder Ecke gibt es etwas Neues zu entdecken und der Puls der Stadt zieht uns in seinen Bann.

So war es auch diesmal wieder mit Melbourne. In den sechs Tagen, die wir dort verbrachten, hatten wir uns schon ein bisschen in die Stadt verliebt (nachzulesen: hier). Als wir dann aber unseren Campervan „Bernie“ abholten, das Verkehrschaos der Stadt hinter uns ließen und das erste Mal wilde, australische Freiheitsluft schnupperten, war wieder alles anders.

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Plötzlich fragten wir uns, warum es vier Millionen Menschen in die Großstadt zieht, wenn doch wenige Autominuten weit weg DIESE Landschaft liegt! (Nüchtern betrachtet liegt die Antwort natürlich auf der Hand – sie lautet in vielen Fällen wahrscheinlich „Arbeit“, die man in der Stadt nun einmal leichter findet.) Vergessen waren die Träume von einem Townhouse am Stadtrand, wir wollten Abenteuer erleben! Mit jedem Kilometer hatten wir uns mehr an Bernies rustikale Fahrweise gewöhnt und vermissten die Annehmlichkeiten der Zivilisation immer weniger. Wer braucht schon eine Servolenkung, wenn neben der Straße dieser gewaltige Ozean rauscht? Wer braucht warme Duschen, wenn die Luft nach Eukalyptus duftet und man morgens von Kängurus begrüßt wird?

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Die letzten Tage in Melbourne plagten uns noch Zweifel. Jedes große Abenteuer beginnt mit dieser besorgten Stimme im Hinterkopf: „Was machen wir, wenn es uns nicht gefällt?“, „Wie sollen wir mit einem dreißig Jahre alten, riesigen Fahrzeug durch den Linksverkehr navigieren?“, „Was machen wir, wenn wir keinen Schlafplatz/keine Dusche/keine Tankstelle/keine Toilette/keine Nahrungsmittel finden?“. Zum Glück erwiesen sich auch diesmal (fast) alle unsere Sorgen als unbegründet. (Zeltplätze ohne Toilette finden wir allerdings immer noch nicht so pralle…)

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Was wir in der Vorausschau oft übersehen, ist, dass all diese Dinge zweitrangig werden, sobald man raus aus dem warmen Nest ist. Für mich dauert das etwa so lange, wie Bernies Motor braucht, um warm zu laufen. Für Julian nimmt dieser Prozess gerne mal ein paar Tage in Anspruch. Aber spätestens dann sind wir beide völlig im Reisefluss und bereit, einfach nur zu genießen. Und es gibt einfach so viel zu genießen!!

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Die Landschaft hier ist atemberaubend, das Wetter angenehm (wenn auch wechselhaft), Flora und Fauna vielfältig und immer für eine Überraschung gut. Von trockener, wüstenartiger Landschaft sind wir entlang der wilden Küste mit kilometerlangen Sandstränden gefahren, um nun im Landesinneren einen Streifen Regenwald zu durchqueren und ein Seen-Gebiet zu erkunden. Gibt es ein besseres Gefühl, als wenn man durch einen mystischen Wald fährt und auf einmal ein paar bunte Papageien vor einem aufflattern? Wenn man beim Frühstück die Zehen in den Sand stecken kann und von der salzigen Meeresbrise schneller aufwacht, als von der kalten Stranddusche danach? Wenn man nachts vom Zirpen der Grillen in den Schlaf gesungen wird und morgens vom Gesang der Vögel wieder aufwacht?

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Wir lieben einfach diese Nähe zur Natur. Sie lässt den Geist unglaublich ruhig werden und bläst alle negativen Gedanken einfach zur Seite. Hier draußen hat man einfach so oft dieses „Wunder-Gefühl“ : Man blickt voller Ehrfurcht auf eine atemberaubende Landschaft und die ganze Welt rückt sich in einem zurecht, bis man seinen Platz in allem gefunden hat. Aller Ehrgeiz verschwindet, wenn man diesen mächtigen Wellen zusieht, die unermüdlich an den Strand drängen.

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Man ist schnell zufrieden, auch wenn die Leistung des Tages darin besteht, zwei Mahlzeiten gekocht zu haben. Die Welt dreht sich auch ohne uns weiter, wir dürfen dabei sitzen und sie bestaunen. Wir führen ein Leben ohne große Aufregung (Ausnahme: wenn man merkt, dass Bernies Wendekreis zu groß für die Einbahnstraße ist, in der man gerade steckt), dafür aber mit viel Freiheit. Nicht wissen, was sich hinter der nächsten Kurve verbirgt oder auf welchem Stückchen Land man die Nacht verbringen wird. Die Chance zu haben, einfach stehen zu bleiben, wenn es einem gefällt und weiter zu fahren, wenn es einen weiter zieht.

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Wie alle Reiseformen hat auch das Camper-Leben einige Nachteile (dazu fragt ihr besser Julian als mich 😉 – für große Menschen ist der Van halt dementsprechend kleiner…). Aber im Vergleich zu unseren vorherigen Abenteuern im Zelt – ohne Auto und mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken – kommt uns der fahrbare Untersatz, der gleichzeitig Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer ist, vor wie der reinste Luxus. Das ist sicher nicht das letzte Mal, dass wir in einen Van ziehen!

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Und wir sind uns ziemlich sicher, dass das Leben im Van oder im Zelt (dann am besten mit einem Auto mit Vierradantrieb) die beste Option ist, um Australien zu erkunden. Und da sind wir natürlich nicht die einzigen, hier wimmelt es geradezu von Naturliebhabern. Und allen voran stehen wieder die Deutschen, keine Nation treffen wir so oft auf Campingplätzen wie unser draußenliebendes Völkchen. Gut, vielleicht die Australier selbst, aber die leben ja auch nicht zwanzig Flugstunden entfernt.

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