Kolumbien, Reisen, Weltreise

Von Hängematten, Kratern und Kakteen – unser Ausflug in die Tatacoa-Wüste

Nach einer Woche in Kolumbien hatten wir uns in Bogotá akklimatisiert, die Stadt besichtigt, alle veganen Restaurants ausgiebig getestet und den Hausberg Monserrate bestiegen. Wir waren endlich bereit für das, was uns so laut nach Kolumbien gerufen hat: außergewöhnliche Landschaften und beeindruckende Naturerfahrungen. Und dafür erschien uns eine Destination geradezu perfekt: die Tatacoa-Wüste oder „Desierto de la Tatacoa“. Dass uns von der Wüste knapp neun Stunden Busfahrt trennten (für wohlgemerkt 350 Kilometer), störte uns kaum – schließlich hatten wir noch nie in unserem Leben eine Wüste gesehen!

BlogTatacoa-10

Wir fanden heraus, dass man dort in Zelten oder Hängematten übernachten konnten und sofort sprang unser Abenteuer-Detektor an. Eine Nacht in der Hängematte, abseits von Lärm und Luftverschmutzung, bei angeblich glasklarem Sternenhimmel mitten in der Wüste? Wir waren Feuer und Flamme!

Der Bus entsprach zwar nicht dem, was wir aus Mexiko gewohnt waren, aber die Aussicht entschädigte uns für den Tabakgeruch, der aus den Sitzpolstern strömte. Nachdem der Busfahrer uns fast zwei Stunden durch den irren Verkehr Bogotás navigierte, startete die Panorama-Fahrt. Wir fuhren auf kurvigen Straßen durch die Anden, die (zum Glück gut ausgebaute) Straße war gesäumt von tiefen Schluchten, dichten Wäldern, Steilwänden und reißenden Flüssen. Nach einigen Stunden wurde das Land dann flacher. Wir erreichten eine grüne Hochebene und sahen die majestätischen Gipfel nur noch als blaue Schemen am Horizont.

Nach etwa sieben Stunden kamen wir in Neiva an und fragten uns kurz, ob die Wüste schon hier anfing: Es war unglaublich heiß! Aber auf dem Weg zu unserer Unterkunft pries uns der Fahrer die Gegend in den höchsten Tönen an. Er zeigte uns den Rio Magdalena, das Museum und sicher noch mehr Dinge, die wir nicht verstanden. So bekamen wir noch eine kleine Stadtrundfahrt. Als ich der freundlichen Plauderei des Fahrers lauschte, konnte ich mich entspannen – in Bogotá mussten wir aus Sicherheitsgründen immer auf die Taxi-App Uber zurückgreifen. Dort ein Taxi auf der Straße anzuhalten, ist für Touristen absolut nicht empfehlenswert. In Neiva war das anders. Der Mann an der Touristen-Information des Busbahnhofes versicherte mir glaubhaft, dass alle Taxis sicher seien und tatsächlich haben wir dort nur gute Erfahrungen gemacht. Alle unsere Taxifahrer benutzten sogar brav ihr Taxameter.

Im Hostel angekommen erfuhr unsere Abenteuerlust einen kleinen Dämpfer: Nach der guten Erfahrung mit Unterkünften in Bogotá hatten wir einfach nicht mehr auf dem Schirm, wie ungemütlich Hostel-Zimmer eigentlich sein können. Zwei Infos reichen eigentlich, um unsere Kammer zu beschreiben: Sie hatte weder ein Fenster noch eine Klimaanlage. Hatte ich erwähnt, wie absurd heiß es in Neiva war? Wir verbrachten also die Nacht in einer Sauna und ließen letztendlich die Zimmertür offen, um nicht zu ersticken. Ihr könnt mir glauben, wenn ich sage, dass wir uns noch nie so sehr auf eine Nacht in einer Hängematte gefreut hatten!

BlogTatacoa-12

Am nächsten Morgen brachen wir dann in die Wüste auf. Den Weg legten wir in einem „Colectivo“ zurück. Das sind lokale Kleinbusse, die unterwegs Passagiere aufsammeln und deren Fahrer oft durch einen recht waghalsigen Fahrstil auffallen. Unser Fahrzeug roch schon beim Einsteigen nach Erbrochenem… Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis wir losfuhren. Mit uns wartete eine junge Kolumbianerin, die Rucksack und Zelt dabeihatte und in der Wüste campen wollte. Wir waren erleichtert, dass wir nicht die einzigen mit dieser Idee waren.

Als es endlich los ging, brauchten wir für die vierzig Kilometern dann etwa zwei Stunden – und das, obwohl unser Fahrer auf dem (asphaltierten) Feldweg mit 85 km/h entlangbrauste. Noch in Neiva stoppten wir mehrere Minuten, damit eine Frau ein Spielzeug für ihren Sohn kaufen konnte. Und auch auf dem restlichen Weg hielten wir gefühlt an jeder Ecke an, um noch weitere Fahrgäste aufzugabeln.

BlogTatacoa-5

Im Voraus hatten wir ein Hostel in der Wüste recherchiert, unser Fahrer kannte jedoch eine seiner Meinung nach bessere Unterkunft und lies uns kurzerhand dort heraus. Uns störte das nicht, sah die Anlage doch auf den ersten Blick sehr einladend aus: ein paar Häuschen umgeben von Bäumen und tropischen Pflanzen.

Wir fragten nach Hängematten und wurden zu einem überdachten Bereich geführt, in dem genau zwei Exemplare baumelten. Ein kurzes Testliegen und wir fragten uns ernsthaft, wie wir darin die Nacht verbringen sollten. Vor allem Julian hatte mit seiner Größe Probleme, halbwegs gerade und nicht wie eine Banane darin zu liegen.

BlogTatacoa-1

Wir verwarfen die Bedenken schnell, denn auf der Hinfahrt hatten wir schon einen Blick auf das „Laberinto de Cusco“ werfen können, den berühmten Canyon aus roten Steinformationen. Wir liefen also los. Trotz der Mittagszeit war die Temperatur erträglich, da dichte Wolken die Sonne vor uns abschirmten.

BlogTatacoa-2

Wir gingen wenige hundert Meter die Straße entlang und da breitete er sich auch schon vor uns aus, der Canyon. So etwas hatten wir wahrlich noch nie gesehen. Die trockene Erde war zerfurcht, als hätte ein Riese mit einem Rechen darin gespielt. Angeblich war hier ein See ausgetrocknet und wir erinnerten uns an die Unterwasser-Täler und -Berge, die wir beim Schnorcheln gesehen hatten. So sah das hier aus! Was uns ebenfalls überraschte war, wie lebendig die Wüste war! Dass dort Kakteen wachsen, hatten wir erwartet, aber daneben sprossen auch Sträucher, Bäume und sogar kleine Blümchen.

BlogTatacoa-7 BlogTatacoa-19

Schon von der höher gelegenen Straße sah die Landschaft einfach nur mystisch aus, wie aus einer anderen Welt. Wir stiegen vorsichtig eine Treppe aus alten Autoreifen herunter, um auf den Wanderweg mitten durch den Canyon zu gelangen. Dort änderte sich unser Eindruck: Während wir oben fasziniert von der detailreichen Landschaft waren, überkam uns hier unten Ehrfurcht. Plötzlich waren die Steinwälle riesig, sie bildeten enge Gänge und große Plätze. Es wurde leiser. Jetzt spürten wir doch noch die flimmernde Hitze, die Sonne zerdampfte langsam die schützenden Wolken. Als es einmal am Wegrand raschelte, zuckte ich kurz zusammen, hatte ich doch von Schlangen und Skorpionen gelesen. Dann war es aber nur eine Plastiktüte in Julians Rucksack.

BlogTatacoa-14
BlogTatacoa-15„Das wirkt doch wie eine Szene aus einem Indianerfilm, oder?“, bemerkte Julian. „Stell dir vor, du reitest hier in einer Postkutsche durch und gerätst in einen Hinterhalt…“

Ich schauderte. Ja, das konnte ich mir nur allzu gut vorstellen. Der Ort trug nicht zu Unrecht den Namen „Labyrinth“. Es war fast ein wenig gruselig, dort unten zwischen den Klüften herumzulaufen. Hinter jedem Felsen konnte ein Angreifer lauern und sei es nur eines der schwarzen, wespenartigen Insekten, die hier herumschwirrten. „Oder stell dir mal vor, du bist ein Schamane bist und kommst hierher, um dich in einen Vogel zu verwandeln.“ Im Goldmuseum Bogotás hatten wir gelernt, wie wichtig die Tiersymbolik für die Ureinwohner Kolumbiens war. Sie glaubten, sich durch Rituale in in Mensch-Tier-Mischwesen verwandeln zu können, und so deren Stärke in sich aufzunehmen.

BlogTatacoa-26Leise liefen wir zurück, die restliche Wanderung wollten wir uns für den nächsten Morgen aufheben. Außerdem wurde mir etwas schwummrig von der Hitze und wir flüchteten zu unserem riesigen Wasserkanister und in die kühle Hängematte. Zum Lesen sind die nämlich spitze! Vor allem wenn man so eine tolle Aussicht hat: Direkt in den Bäumen vor uns flatterten knallgelbe Kanarienvögel umher! Wir lasen also den restlichen Tag in der Hängematte, nur unterbrochen von einem deftigen kolumbianischen Mittagessen im Restaurant der Anlage.

Als die Sonne sich auf den Horizont zubewegte, trauten wir uns noch einmal hervor. Wir wollten den Sonnenuntergang über dem Canyon genießen. An einem Aussichtspunkt hielten wir an, konnten es aber nicht lassen, noch einmal hinunter zu steigen und durch die Krater zu wandern. Bei Sonnenuntergang war es dort noch einmal gruseliger als bei Licht; ganz als würden die Tiergeister der Schamanen durch die Schluchten schweben. Der Sonnenuntergang war letztlich nicht so bunt wie erhofft, aber die Stimmung war dennoch unbezahlbar. Auf dem höchsten Felsen hatten sich zwei Kolumbianer mit Gitarre niedergelassen und sangen Oldies. Dazu gesellte sich das Wiehern der Pferde aus den nahen Ställen und die lauten Gespräche der kolumbianischen Großfamilie, die das Restaurant am Aussichtspunkt führte.

BlogTatacoa-13BlogTatacoa-16 BlogTatacoa-17

Die Nacht war dann nicht ganz so magisch, wie der Abend. Neben uns und der Kolumbianerin aus dem Bus übernachteten noch etwa dreißig Kinder mit uns auf dem Anwesen. Ein Lehrer, eine Lehrerin und eine laute, kolumbianische Schulklasse auf Klassenfahrt. Abends spielten sie Fangen und andere Spiele, wir verstanden nur das ein oder andere kreischende „Ayuda!“ – „Hilfe!“. Als wir schon im Halbschlaf waren, versammelten sich alle am Lagerfeuer und der Lehrer erzählte Geschichten – vielleicht von den Sagen, die sich um die Wüste ranken? Natürlich verschwanden die Kleinen danach nicht leise in ihre Zelte, sondern es gab ein großes Geschrei. Erst gegen Mitternacht konnten wir ernsthaft an Schlaf denken, dabei wollten wir doch morgens früh los, um der Hitze zu entkommen.

BlogTatacoa-8

Und dann waren da noch die Grillen. Aus dem Kloster in Thailand kannte ich das ja schon, diese laute Geräuschkulisse aus dem Zirpen und Quietschen dieser Insekten. Hier hörte sich das allerdings nicht romantisch an, sondern als hätte man einen Tinnitus und befände sich kurz vor dem Hörsturz. Wenn eine Grille mal eine Pause machte, entspannte sich mein ganzer Körper und ich konnte kurz aufatmen – bis sie wieder anfing. So ging das die ganze Nacht… Obwohl ich dank meines Nackenkissens eine halbwegs entspannte Schlafposition gefunden hatte, fand ich keine Ruhe.

Gegen vier Uhr morgens begann es zu regnen und die Luft sog sich binnen Minuten mit Feuchtigkeit voll. Schnell war der Stoff der Hängematten und unsere Kleidung klamm und kalt. Ich schälte mich aus der Matte und tastete mich zu unserem Rucksack. Dort fand ich ein Wechselshirt von Julian, das ich mir schließlich als behelfsmäßige Decke um die Beine wickelte. Eine Lampe brauchte ich nicht, die Nacht war hell. Obwohl es bewölkt war, wusste ich, dass sich irgendwo hinter den hellen Schemen am Himmel der Vollmond verstecken musste. Viele Sterne sah man daher nicht, auch wegen der vielen Wolken. Da die Wüste so nah am Äquator liegt und es kaum Luftverschmutzung oder Licht in der Umgebung gibt, ist dort ein Observatorium stationiert. Bei Neumond und wolkenlosem Himmel kann man wohl alle Sterne der nördlichen und südlichen Hemisphäre bestaunen!

BlogTatacoa-3

Irgendwie schlief ich schließlich doch ein und freute mich morgens über die aufgehende Sonne, die die Luft und meine Kleidung trocknete und mich schnell wieder aufwärmte. Nach der schrecklichen Nacht im Hostel war die Nacht in der Hängematte gar nicht so schlimm gewesen, aber mit einer Decke, einem Kissen und Ohrstöpseln hätte man sie durchaus angenehmer gestalten können. Immerhin waren wir ohne Probleme früh aufgewacht und konnten so schon um sieben Uhr unsere Wanderung beginnen.

BlogTatacoa-25BlogTatacoa-21 BlogTatacoa-23

Der Wanderweg führte durch die Schluchten des Canyons, durch Kakteen-Felder und Fossilien-Ausgrabungsstellen (ohne Fossilien). Die Umgebung änderte sich stetig und am Ende des Weges hatten wir eine tolle Aussicht auf die Wüste und das Umland. Hinter so einer surrealen Gegend die blauen Gipfel der Anden zu sehen, ist einfach nur krass! Ganz ehrlich, wir sind ziemlich verliebt in Kolumbien. Was die Natur anbelangt hat das Land echt den Jackpot gezogen! Da wünschen wir uns ganz stark, dass sich die politische Lage schnell beruhigt und sowohl kolumbianische als auch internationale Touristen die Chance bekommen, mehr von diesem vielseitigen Land zu entdecken.

BlogTatacoa-30

Wir genossen den Weg, schossen viele Fotos und begegneten nur gegen Ende ein paar anderen Touristen. Da war es schon so heiß geworden, dass wir schnell zurück zu den Hängematten flüchteten – an sonnigen Tagen kann es in der Wüste schnell über vierzig Grad warm werden. Kurz darauf saßen wir schon im Colectivo und fuhren zurück nach Neiva. Mit einem letzten Blick auf den Canyon beschlossen wir, dass sich alle Anstrengungen gelohnt haben und wir – so paradox es nach der Nacht auch klingen mag – jederzeit wieder eine Hängematte in der Tatacoa-Wüste beziehen würden.

BlogTatacoa-9

 

Leave a Reply