Kolumbien, Reisen, Weltreise

Wachs, Palme! Wachs!

An unserem letzten Tag vor der Abreise nach Cartagena hatten wir uns noch einmal einiges vorgenommen, nämlich eine Wanderung durch das Valle de Cocora. Das hat es dank seiner Wachspalmen zu einiger Berühmtheit gebracht: Es ziert sogar die Rückseite des Kolumbianischen 100.000-Pesos-Schein.

Im Tal hat man zwei Optionen: Entweder läuft man einfach in das Tal hinein und dann zu einer kleinen Finca und dreht dann wieder um oder man läuft einen kompletten Rundweg, der erst ganz am Ende in das Tal einbiegt. Wir entschieden uns voller Motivation für letzteres! 5-6 Stunden sollte das ganze dauern, mit zusätzlicher Option auf einen kleinen Schlenker zu einer Kolibrifarm. Demenstprechend früh fuhren wir mit dem Jeep-Taxi los und standen um kurz vor 8 Uhr vor dem Tor, hinter dem der Weg begann.

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Viel los war nicht. Außer uns liefen gerade einmal drei andere Wanderer den kompletten Rundweg, aber die liefen deutlich schneller als wir, sodass wir meist unsere Ruhe hatten. Wir waren nämlich absolut begeistert von der Natur. Schon während der Fahrt war alles wunderbar grün gewesen, immer abwechselnd hell leuchtendes Wiesen- und unergründliches Waldgrün. Dazu bewegten wir uns immer im Schatten der Berge, deren Gipfel von einigen Nebelfetzen verhüllt wurden. Sehr stimmungsvoll alles, es erinnerte uns ein bisschen an diese klassischen „Herr-der-Ringe“-Landschaften und ein bisschen an Irland. Einer der Berge sah von weitem sogar einer Zwergenzipfelmütze ziemlich ähnlich…

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Bei unserer ersten Foto-Pause stellten wir dann fest, dass wir die Speicherkarte von Suzans Kamera vergessen hatten. Wir hatten also nicht nur ein knappes halbes Kilo an unnützem Gepäck dabei, sondern haben auch nur Handyfotos, die ihr hier auf dem Blog seht. (Auf die Gefahr hin, vorzugreifen): Es war einer der schönsten Orte unserer Weltreise und ausgerechnet davon haben wir die miesesten Fotos. Aber gut, das Leben ist hart…

Der Weg war übrigens von Beginn an abenteuerlich. Gleich nach fünf Minuten kamen uns ein paar Pferde durch einen Fluss entgegen und wir mussten diesen über eine etwas wacklige Holzbrücke überqueren.

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Nass – oder eher schlammig – geworden sind wir trotzdem. Beweisstück A:

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Von da an ging es immer sanft bergauf durch ein schmales Seitental auf den Berg mit der Zipfelmütze zu. Der Weg war ziemlich matschig, aber die Aussicht zu beiden Seiten wunderschön. Sehr idyllisch, mit grünen Wiesen, Felsen, waldigen Hängen und ein paar grasenden Kühen.

Dann ging es in den Wald.

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Auf einmal änderte sich die Landschaft komplett. Es war ziemlich dunkel und kalt, der Wald hatte etwas Verwunschenes. Der Weg wurde steiniger und teilweise ein bisschen steiler. Nur wenige Meter zur Seite war das Dickicht schon undurchdringlich. Dschungel eben… Nur ein einziges Mal lichtete sich das Blätterdach über uns und ein paar Sonnenstrahlen fielen auf den Waldboden. Es sah sofort magisch aus! Dieser kurze Schnipsel erinnerte uns (kleine Nerdreferenz) sofort an die Szene aus Herr der Ringe 2, als Gandalf zum ersten Mal nach seiner Wiedergeburt auftaucht. Nur ein bisschen goldener war das Licht bei uns, weniger gleißend weiß.

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Geräusche waren übrigens fast keine zu hören – der Fluss übertönte alles. Schon im Tal hatte der Weg immer am Fluss entlang geführt und hier im Wald wurde er schneller und wilder. Teilweise gab es sogar kleine Wasserfälle und Stromschnellen! Aber das war noch nicht alles. Der Weg führte in diesem Teil des Waldes nicht am Fluss entlang, sondern über den Fluss hinüber. Nicht weniger als acht Mal mussten wir den Fluss auf teilweise doch sehr wackligen Brücken überqueren. Die Geländer waren schmal, zwischen den einzelnen Streben klafften teils große Lücken und Moos fraß sich langsam, aber sicher seinen Weg in das Holz.

Viele davon sahen so aus…

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… andere aber auch so:

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Über diese mussten wir uns hinüberschlängeln, indem wir uns mit der Brust gegen die Felswand pressten und auf Zehenspitzen über die glatten Holzstämme tippelten.

Für die letzte Überquerung gab es gar keine Brücke mehr… Da war Steine-Hüpfen angesagt!

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Danach hatten wir den ungemütlichsten, aber nicht den schwierigsten Teil der Wanderung hinter uns. Jetzt mussten wir nämlich einen steilen Hügel hinaufkraxeln, um zu der Finca zu gelangen, die ich am Anfang erwähnt habe. Den Schlenker zur Kolibri-Farm haben wir uns übrigens geschenkt…

Die Landschaft veränderte sich hier noch einmal. Der Rundweg wird auch der „Pfad der vier Wälder“ genannt und zum Teil konnten wir das gut nachvollziehen: Erst waren wir durch den Dschungel gelaufen, der Wachspalmen-Wald lag natürlich noch vor uns, dieser Teil jetzt ähnelte eher einem mitteleuropäischen Nadelwald. Was der vierte Waldtyp sein soll, wissen wir allerdings nicht…

Dafür hatten wir immer mal wieder eine nette Aussicht auf die umliegenden Berghänge.

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Dann hatten wir die Finca erreicht, gewissermaßen die Halbzeit unserer Wanderung – und das nach gerade einmal knapp zwei Stunden. Obwohl (oder weil?) unsere Oberschenkel ziemlich brannten, waren wir also ziemlich gut in der Zeit.

Die Finca war mit 2860 m Höhe auch der höchste Punkt des Weges. Von da an ging es bergab. Uns entgegen kamen jetzt immer wieder andere Touristen – Schönwetter-Wanderer, wie ich sie insgeheim nannte, die nämlich nur ins Tal und dann wieder zurückliefen und den Dschungelpfad links liegen ließen. Der Weg wurde jetzt breiter und besser ausgebaut, blieb aber nicht frei von kleineren Überraschungen, wie diesem Erdrutsch.

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Dafür gab es jetzt immer wieder herrliche Aussichten auf die Randausläufer des Valle del Cocora. Hier und da lugten sogar schon einige der berühmten Wachspalmen hervor, wenn auch nicht so viele wie uns noch bevorstehen sollten. Dafür sahen wir hier wieder Hänge, die so hellgrün waren, dass es uns fast blendete. Die Sonne drängte jetzt auch die Wolkenfetzen beiseite und wir wanderten bei bestem Wetter ins Tal hinab.

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Die Transformation dieser Wanderung war beeindruckend: Von einem wilden, schlammigen Dschungel mit wackeligen Holzbrücken hin zu einem weitläufigen Tal mit freistehenden Palmen. Auch das ist eben Kolumbien, wie wir es in den letzten Wochen kennen und lieben gelernt haben. Sanfte Wildnis, war ein Wort, das mir in den Sinn gekommen ist.

Und dann tauchte endlich das Highlight dieser Wanderung vor uns auf: die Wachspalmen.

Es war ein Anblick, den man kaum beschreiben kann. Diese Palmen hatten in unseren Augen etwas überirdisches, sie sahen aus wie Dinge, die es eigentlich nicht auf dieser Welt geben dürfte. Wie können so schmale Bäume, so schlank sein? Selbst um die dicksten Palmen konnte ich locker herumgreifen – und sie sind sechzig Meter hoch!

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Selbst im sanften Wind, der bei unserer Wanderung durch das Tal zog, wiegten sie sich hin und her wie eine Mutter, die ihr Kind zum Schlafen bringen will. Wie überstehen diese Palmen einen Sturm? Wir hatten jedenfalls Fragen über Fragen.

Und nur um nochmal ein bisschen Perspektive reinzubringen: das auf dem Foto bin ich!

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Mit offenen Mündern und bewegten Herzen stiegen wir den sanft abfallenden Weg durch das Tal und kamen aus dem Staunen kaum mehr heraus. Die Wachspalmen standen einzeln, in Gruppen oder in kleinen Wäldchen herum, aber alle waren sie beeindruckend. Dazwischen segelten Greifvögel herum und sahen so winzig aus wie Schwalben. Es war zum Abschluss nochmal ein Top-Eindruck von Kolumbien! Über diesen Abschnitt lassen wir am besten die Bilder sprechen…

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Am Grund des Tals kamen uns dann wieder verstärkt Pferde entgegen, auf denen man durch das Tal reiten kann; der Weg wurde wieder schlammiger, aufgewühlt von Pferdehufen, die Palmen blieben auch von unten aber beeindruckend.

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Schließlich kamen wir an einem kleinen Parkplatz an, von dem aus wir einen Jeep zurück nach Salento nahmen. Und Suzans Handy verriet uns, dass wir gerade einmal vier Stunden für die ganze Wanderung gebraucht hatten. Und das für zehn Kilometer Dschungel und Berge. Wir beide sind eben Wander-Maschinen…

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Seit dem Mount Snowdon in Wales war das wahrscheinlich unsere anstrengendste Wanderung, aber gleichzeitig eine der, wenn nicht die schönste unserer Reise. Auf der Rückreise mischte sich dann ein bisschen Abschiedsschmerz in unsere Begeisterung – es war unser Abschied von Kolumbiens zauberhafter Natur. Aber es hatte sich gelohnt. Und die Erinnerungen bleiben ja, auch wenn wir dieses Mal nur Handyfotos davon haben.

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