Island, Reisen, Weltreise

Das Finale II: Island – der Norden

Unser Weg auf der Ringstraße führte uns nun durch die Nordseite Islands, ein Gebiet, das sich durchaus vom Rest der Insel unterscheidet. Es ist nämlich Vulkangebiet. Das trifft jedoch vor allem auf den Nordosten zu, kommt man, wie wir, von Westen her, bemerkt man zunächst einige kleinere Veränderungen in der Landschaft.

Es wird weitläufiger und grüner, die Berge werden weniger. Nicht jedoch die Sehenswürdigkeiten! Dazu ein kleiner Disclaimer: Alles, was hier jetzt beschrieben wird, waren die Erlebnisse eines einzigen Tages, mit vielleicht zwei bis drei Stunden Autofahrt dazwischen. Das finden wir jetzt, beim Schreiben, immer noch wahnsinnig und kaum zu glauben.

Godafoss

Los ging das Ganze am Morgen am Godafoss, dem Wasserfall der Götter. Hier soll der Legende nach ein Vikinger-Häuptling seine alten Götzenbilder den Wasserfall hinuntergeworfen haben, nachdem er sich entschieden hatte, zum Christentum zu konvertieren. Einen malerischeren Ort hätte er sich dafür nicht aussuchen können… Für uns war es der schönste der unzähligen isländischen Wasserfälle, die wir gesehen haben.

Der Wasserfall selbst war dreigeteilt: Von uns aus gesehen links donnerte der Hauptteil der Wassermassen in die Tiefe, in der Mitte, eingekeilt zwischen zwei Felsen, folgte ein zweiter Strom und von der Seite her plätscherte noch einmal ein Fluss in das natürliche Auffangbecken. Sonderlich hoch für isländische Verhältnisse war er nicht, gerade einmal 12 Meter, aber dafür ziemlich breit und schnell. Das Wasser sauste hinter dem Wasserfall in einem Affenzahn durch das Flussbett. Stromschnellen an jeder Ecke. Gischt spritzte durch die Luft und selbst auf den Aussichtspunkten wurden wir je nach Windrichtungen mit feinem Sprühwasser bestäubt.

Überhaupt das Wasser: Von unserem ersten Aussichtspunk aus sah es fast türkis-blau aus und war wie schon beim Thingvellir unglaublich klar.

Ein kleiner Spazierweg führte flussabwärts zu einem zweiten, kleineren Wasserfall und dann über eine Brücke, sodass man den Godafoss auch von der anderen Seite her betrachten konnte. Dort führte sogar eine kleine Treppe bis ganz hinab ans Ufer – Natur hautnah.

Myvatn

Vom Godafoss aus setzten wir dann unsere Reise nach Osten fort, bis wir an den Myvatn-See kamen – und das war vielleicht das Gebiet in Island, das uns am wenigsten gefallen hat. Warum? Wegen der Mücken! Myvatn heißt Mücken-See auf Isländisch und der Name ist Programm. Eigentlich wollten wir eine Wanderung zum Hverfjall machen, einem riesigen Vulkankrater, aber wir konnten nicht einmal aus dem Auto aussteigen, ohne von Mückenschwärmen erstickt zu werden. Im Ernst, so etwas kann man sich nicht vorstellen. Es müssen Abermillionen von Mücken gewesen sein und wir blieben deshalb gerne im Auto sitzen. Später lasen wir, das im Sommer öfter die Feuerwehr gerufen wird, weil ahnungslose Touristen die riesigen Mückenschwärme für Rauchsäulen halten.

Aber nur ein paar Kilometer nördlich des Myvatn-Sees waren die Mücken schon wieder verschwunden und das hatte seinen Grund: Es stank nämlich zum Himmel. (Wir haben keine Ahnung, ob wirklich deshalb nicht mehr so viele Mücken da waren, aber der Geruch war wirklich so beißend, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes gerne „die Fliege gemacht“ hätten…).

Vor uns lag eine der krassestes Landschaften, die wir auf unserer ganzen Weltreise gesehen hatten. Eine vollkommen kahle Kraterebene, zerklüftet und felsig, mit einem schroffen Felshang als Kulisse. Rauchwolken zogen darüber und überall zischte, blubberte und brodelte es. Die Farben waren der Wahnsinn: Mal war der Boden metallisch blau, an anderen Stellen fast weiß, hier und da beige und orange und von Zeit zu Zeit sahen wir auch rostrote Pfützen.

Am Anfang dachten wir noch, wir wären mitten auf dem Mond gelandet – dann verzogen sich die Regenwolken, die Sonne kam raus und das Ganze erinnerte uns eher an eine Marslandschaft.

Die vulkanische Aktivität war kaum zu übersehen. Überall hatten sich kleine Krater gebildet, in denen heißes Schwefelgemisch blubberte, das uns an kochenden Teer erinnerte – und der Ursprung des Gestanks nach faulen Eiern war. Es sah fast schon gruselig aus, als würde im nächsten Moment ein Alien oder ein Uruk-Hai aus der Suppe heraussteigen, aber auch irgendwie faszinierend.
Die Natur und auch die Landschaft in Island sieht immer so beständig, so alt und so leblos aus, aber hier merkten wir, dass das falsch ist: Die Natur lebt. Sie ist aktiv. Sie verändert sich. Langsam zwar, viel langsamer als wir Menschen das gewohnt sind, aber sie tut es. (Auch die vielen Wasserfälle beispielweise sind ein Zeichen für „junge“ Natur – das Wasser hat das Flussbett noch nicht eingeebnet).

Oben am Kraterrand standen Felshaufen – wir nennen sie „Schornsteine“ – aus denen dichte, heiße Dampfwolken zogen. Ich lief natürlich sofort mitten durch uns stellte fest, dass man dort a) nicht mal mehr die Hand vor Augen sah und es b) stank wie in der Hölle. Faszinierend war es trotzdem.

Die Isländer hätten in so einer Landschaft kaum überleben können, wenn sie nicht erfinderisch wären. Und was kann man mit heißend, blubbernden Schwefelquellen anstellen? Natürlich, man nutzt sie für Thermalbäder.

Das war unser nächster Stopp: Ein Thermalbad gleich neben dieser wahnwitzigen Vulkanlandschaft, in dem wir uns für eine gute Stunde in natürlichen Becken mit unterschiedlichen Wassertemperaturen aufwärmen konnten. Das Wasser war unfassbar milchig, aber wegen des Schwefels darin wohl gut für die Haut. Und sein wir mal ehrlich: Es war einfach angenehm, dem ewigen Regen mal für eine kurze Zeit entfliehen zu können. Die Preise waren zwar isländisch knackig (8 Euro für ein Bier…), aber das war es definitiv wert.

Und damit ging dieser lange, ereignisreiche Tag zu Ende. Wo auf der Welt kann man bitte so viel an einem Tag erleben? Der Norden Islands war vielleicht nicht die klassisch schönste Landschaft, aber die faszinierendste für uns. Und unsere Abenteuer im Norden waren ja noch nicht vorbei.

Dettifoss

Am nächsten Morgen starteten wir nämlich einen kurzen Offroad-Trip zum Dettifoss, einem weiteren Wasserfall, den wir uns nicht entgehen lassen wollten. So kurz war der Trip am Ende übrigens gar nicht: für die knapp 30 Kilometer brauchten wir im Endeffekt eine Dreiviertelstunde und hatten mehrmals Angst, gleich von der Straße zu kippen. Dorthin führte nämlich nur eine schmale Ruckelpiste, die unseren Mietwagen (und uns) an die Grenzen der Belastbarkeit führte. Aber so ist Island eben: Sobald man sich von der Ringstraße entfernt, wird’s ruckelig.

Wert war es das trotzdem. Der Dettifoss war beeindruckend. Ich habe ja geschrieben, dass der Godafoss der schönste Wasserfall war, den wir in Island gesehen haben, aber der Dettifoss war mit Abstand der beeindruckendste.Was für eine Power! Diese Wassermassen! Der Dettifoss ist der stärkste Wasserfall Europas und daran zweifelt man keine Sekunde, wenn man wirklich einmal oben an der Klippe steht. Schon vom Parkplatz aus, konnten wir die riesige Gischtwolke sehen, die unter dem Wasserfall nach oben steigt. 45 Meter weit stürzt das Wasser hier in die Tiefe. Es war hier kein bisschen klar oder türkis, sondern braun, weil alles aufgewirbelt wird. Im Becken unter dem Wasserfall waren dutzende kraftvoller Strudel und Wirbel zu sehen und wir fanden es ein bisschen gruselig, dass man auf den (glitschigen!) Steinen bis ganz an den Rand des Wasserfalls laufen konnte.

Ein toller Anblick war dafür die Seitenwand des Wasserfalls, über die noch einmal dutzende weitere kleine Wasserströme nach unten flossen. Es sah aus wie Silberadern im Berg und besonders, wenn der Wind die Gischtwolken davor wehte, hatte der Anblick etwas mystisches…

Zwei andere Wasserfälle waren ebenfalls noch in Laufnähe, aber da es mal wieder/wie immer in Strömen regnete, ließen wir die lieber sausen. Kaum weniger beeindruckend war dafür der Canyon, durch den sich der Fluss hinter dem Dettifoss seinen Weg gegraben hat.

Und dann ließen wir den Norden Islands auch schon wieder hinter uns und machten uns auf in den Osten dieser wunderschönen Insel. Das schwarz-graue Vulkangestein verschwand langsam wieder und machte grünen Wiesen und Berghängen Platz. Wir sahen wieder mehr Wasserfälle am Straßenrand, einmal sogar mindestens zehn Stück, die in ein paar Metern Abstand von der selben Flanke hinabstürzten. Um es kurz zu machen: Es wurde wieder idyllischer. Aber weniger einzigartig – denn das war der Norden Islands gewesen und dafür wird er uns immer im Gedächtnis bleiben.

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