England, Reisen, Schottland

Poetisches Edinburgh

Unser Plan für Edinburgh war folgender: Wir wollten in der Stadt vier Tage mit Freunden verbringen, die ich während meines Auslandssemesters in Edinburgh kennengelernt habe. Aber anstatt im Mehrbettzimmer im Hostel zu übernachten, planten wir, ganz gemütlich in unserem Van zu schlafen. Also suchten wir uns eine schicke Wohngegend aus, in der man über das Wochenende unbegrenzt und kostenlos parken konnte, und schlugen dort unser Basislager auf. Zwischendrin fühlten wir uns wie zwei Privatdetektive, weil wir versuchten, möglichst unauffällig aus und in den Van zu steigen und keine Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Wir haben schnell gemerkt, dass man am meisten Aufmerksamkeit auf sich zieht, wenn man sich die größte Mühe gibt, unauffällig zu sein. Aber wir hatten Glück und niemand hat sich über den weißen Bus mit deutschem Kennzeichen beschwert.

Wir starteten unsere Erkundungen der Stadt mit einer Free Walking Tour, die wir inzwischen schon in einigen Städten auf der Welt mitgemacht haben. Man lernt immer viel über die Geschichte der Stadt und meistens werden auch einige lustige historische Anekdoten erzählt. Hier kommt noch hinzu, dass sich auch ein und dieselbe Stadt auf ganz unterschiedliche Weise erleben lässt: Julian hatte vor einigen Jahren während des Auslandssemesters schon einmal eine solche Tour in Edinburgh gemacht und diese hatte wenig bis gar nichts mit unserer diesjährigen Tour zu tun.

Der Rundgang führte uns einmal durch die Altstadt, über Friedhöfe, durch enge Gassen und in die „Winkelgasse“ – J. K. Rowling hat sich von dieser bunten Straße für die Harry Potter Romane inspirieren lassen, als sie im Pub „The Elephant’s House“ ihre Meisterwerke verfasste.

Wir sahen außerdem den Friedhof, auf dem Voldemort aka Tom Riddle begraben liegt, sowie die Schule, auf die Rowlings Tochter ging und die wohl als Vorbild für Hogwarts diente.

Überhaupt ist Edinburgh, glauben wir, das Mekka für Autoren schlechthin – kaum eine Stadt kann so vielseitig sein und ihre Stimmung so schnell ändern, wenn das Wetter umschwingt. Allein, wie viele Statuen berühmter Schriftsteller es hier gibt!

Das tolle und verwirrende zugleich an Edinburgh ist, dass die Stadt auf mehreren Ebenen gebaut ist. Ein Haus kann also einen Eingang auf einer Straße haben und direkt darüber befindet sich eine andere Straße mit einem anderen Eingang zum selben Haus, nur etwa 10 Meter höher. Das kann schnell zu Problemen führen, wenn man leicht planlos mit Google Maps durch die Straßen navigiert.

Dafür sieht die Silhouette der Stadt – zum Bespiel vom Calton Hill – ganz großartig aus. Im Zentrum thront das Edinburgh Castle, das auf der Spitze eines erloschenen Vulkans erbaut wurde. Rundherum verteilen sich Kirchtürme, Statuen, Häuser, Friedhöfe und Straßen, Gassen, Plätze, bis hin zur alten Stadtmauer. Dahinter beginnt die Neustadt, die so neu gar nicht mehr ist, und durch die Bahnlinien von der Altstadt getrennt ist.

Den zweiten Vulkan der Stadt besuchten wir am nächsten Tag. Bei bestem Sommerwetter machten wir uns an die Besteigung des Arthur’s Seat, von dem man eine wunderbare Aussicht auf die Stadt hat. Die Wanderung beginnt nur einen kurzen Fußweg von der Innenstadt entfernt am Royal Palace, der Residenz der Queen, wenn sie Edinburgh besucht.

Wir wanderten quer durch den Holyrood Park und am Ende erklommen wir noch einen kurzen, steinigen Aufstieg, bis wir endlich die Spitze des Vulkans erreicht hatten. Oben warteten nicht nur hunderte Touristen, sondern sogar ein Dudelsackspieler auf uns. Diese findet man in Edinburgh wirklich an jeder Straßenecke und die Melodien prägen das Gefühl, das wir von der Stadt mitgenommen haben. Jedermanns Geschmack sind sie nicht: Julian liebt Dudelsack-Melodien, unsere Freunde brachte sie dazu, unser Picknick doch lieber ein Stück unterhalb des Gipfels abzuhalten.

Die Aussicht vom Arthur’s Seat war tatsächlich ganz wunderbar und so verbrachten wir den restlichen Tag in den Hügeln mit Aussicht auf die Stadt. Dass das Wetter dann auch noch mitspielte und uns auch den restlichen Tag mit strahlendem Sonnenschein beschenkte, war die Kirsche auf der Sahnetorte.

An unserem letzten Tag ließ uns das gute Wetter im Stich und wir durften Edinburgh noch einmal bei Dauerregen und Nebel erleben – nicht einmal das Schloss konnte man noch erkennen. Aber auch für solche Tage bietet Edinburgh Touristen genügend Alternativen an: So erkundeten wir etwa eine nett gemachte Ausstellung zu den UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten in Schottland, die in einer halb verfallenen Kirche im Stadtzentrum aufgebaut worden war. Dann wurde es Zeit, Abschied zu nehmen und weiterzuziehen. Immer weiter in den Norden.

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