England, Reisen, Schottland

Glencoe oder Glen Coe – das ist hier die Frage…

„Ist das euer Van?“ Ein älteres Ehepaar kam zu uns herübergeschlendert und lächelte uns freundlich zu.

„Ja“, antworteten wir.

„Cool! Wir machen auch öfter Touren durch Schottland. Wart ihr schon in Applecross?“ Und so weiter und so fort…

So harmlos fangen manchmal Unterhaltungen auf abgelegenen Rastplätzen an. Eine halbe Stunde später hatten wir genügend Locations und Geheimtipps bekommen, um drei Jahre, nicht drei Monate Schottland zu füllen. Einer dieser Tipps, von dem das Pärchen geradezu schwärmte, war das Tal Glen Coe. Nach unserem kleinen Abstecher auf die Isle of Lismore war das dann auch das erste Ziel, das wir ansteuerten und auch, wenn wir nur anderthalb Tage darin verbrachten, hat es sich doch so weit eingeprägt, dass wir es anderen Reisenden immer weiter empfehlen würden.

Unsere Aktivitäten starteten wir dabei ganz behutsam ein Stück nördlich des Dörfchens Glencoe (nicht zu verwechseln mit Glen Coe). Vielleicht noch ein kurzer Abschnitt zur Topographie: Glencoe liegt am Ufer eines langen Fjords, des Loch Leven, der sich von der Westküste Schottlands ein Stück weit ins Festland hineinzieht. Dort tummeln sich die Berge, gleich ein ganzer Haufen Munros (>3000 Fuß / ca. 914 Meter) und dutzende anderer, die knapp an dieser Grenze scheitern. Wir waren also zum ersten Mal richtig in den Highlands. Zwischen ihnen hindurch zieht sich ein langes Tal, durch das eine recht viel befahrene Straße führt – das Glen Coe (glen = Tal). Der Ort Glencoe ist dabei der Flaschenhals des Tals, wenn man so möchte.

Ein Stück im Norden gelegen befand sich ein kleines Gebiet mit einigen Waldwanderwegen, auf denen wir es für den Anfang eher gemütlich angehen ließen. Wir kletterten erst durch den Wald auf einen kleine Hügel mit Blick auf einen See, dann stiegen wir herunter und wanderten um eben diesen See herum; anschließend ging es noch um einen weiteren kleinen Hügel herum, von dem wir dann im Norden auf den Loch Leven blicken konnten. Im Endeffekt haben wir so drei kleine Wanderungen zum Preis von einer gemacht. Es war wirklich schön, mal wieder im Wald zu wandern. Der Boden war wunderbar moosig, alles war sehr feucht, sogar Frösche hüpften immer wieder über den Weg. Der war wiederum von Nadeln gepflastert und wunderbar weich, dazu blühten die Blumen genauso schön wie überall in Schottland. Zum Reinkommen perfekt!

Anschließend stand die alla Und das war dann schon der Hammer: Auf einmal waren wir umgeben von Bergen, wirklich hohen Bergen, auf denen schon keine Bäume mehr wuchsen und mitten zwischen ihnen hindurch pflügte nur eine kleine Straße ihre Schneise. Die Spitzen der Berge waren teilweise vom Nebel verhangen, aber hier unten im Tal schien die Sonne. Dutzende kleine Rinnsaale und Wasserfälle stürzten aus den Bergen hinab ins Tal und sammelten sich dann an einem kleinen See. Genau dort, am Ufer, schlugen wir unser Nachtlager auf. Und in der Umgebung gab es noch allerhand mehr zu sehen: Flüsse zum Beispiel und Felsen und Blumen und alles, was man sonst noch so entdecken kann, wenn man nur abends ein bisschen herumstromert.

 Zum ersten Mal war Schottland hier so richtig wild. Ein bisschen fühlten wir uns an Island erinnert. Dieses Gefühl von Ehrfurcht, dass man eigentlich ganz klein und unbedeutend ist, daran konnten wir uns jedenfalls gut erinnern.

Richtig wild wurde es dann am nächsten Morgen. Wir wollten nämlich – natürlich – unbedingt auf einen der besagten Berge hinaufsteigen, um auch den Blick von oben auf das Tal und den Fjord gennießen zu können. Unsere Wahl fiel auf den 700 Meter hohen „Pap of Clencoe“. Auf den sollten eigentlich zwei Wege führen, stellten wir an einer Weggabelung fest, eine Brücke führte nach rechts, ein Weg nach links. Den einen hoch, den anderen runter…

Was soll schon schiefgehen?

Nun, zum einen, dass wir irgendwie den richtigen Weg verpassten. Was wir dann tatsächlich emporkraxelten war eher eine Querfeldeinschneise, die teilweise matschige Rinnsaale und Flüsse querte, teilweise fast kopfhoch mit Büschen zugewachsen war und hier und da in einem ausgetrockneten Bachbett verlief. Ach ja, brutal steil, war sie übrigens auch noch!

Aber wir haben es überlebt – wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Und irgendwann waren wir aus dem Gröbsten raus, wanderten querfeldein den Berg hinauf und genossen die unglaubliche Aussicht, die sich in unserem Rücken auftat. Einerseits sahen wir die Mündung des Glen Coe, Berge mit ein paar abenteuerlichen Straßen und das Dorf Glencoe. Und dann war da noch der Fjord, Loch Leven: Dicht am Ufer waren wieder ein paar kleine Inselchen, fast wie im Loch Lomond, und weit in der Ferne sahen wir das Meer und dahinter wieder andere Berge, die zu einer Halbinsel des Festlands gehören. Allein für so etwas lohnen sich doch auch die etwas ausgefalleneren Wege!

Viel weiter oben am Gipfel trafen wir dann auf den Weg, zu dem schon erwähnte Brücke geführt hätte. Das Terrain war hier ziemlich felsig und der Weg tatsächlich nicht immer eindeutig zu erkennen, aber er führte uns dann doch bis knapp unter den Gipfel. Nur noch ein kleine Felskappe, die wir hinaufmussten… Aber wie? So einen richtigen Weg sahen wir nicht, trafen aber eine nette Familie mit GPS, die uns bestätigte, dass es einfach geradeaus die Wand hochging. Was folgte, war eine Kletterpartie, wie wir sie noch nicht oft gemacht haben. Die Bedingungen waren perfekt, kein Regen, Sonne und ein paar Wolken, aber ein bisschen schummrig war uns beim Laufen schon. Der „Weg“ führte relativ steil die Felswand nach oben und wir mussten extrem achtgeben, etwas zum Festhalten zu finden.

Irgendwann beschlossen wir dann, nicht nach oben zu gehen. Ich habe ja sowieso immer ein bisschen Höhenangst und so richtig gut fühlten wir uns beim Klettern dann nicht mehr. Also kletterten wir wieder nach unten und ein Stück um den Gipfel herum, wo wir uns dann die wohlverdiente Pause gönnten und die Aussicht auf die Berge und einen Zipfel des Loch Levens genossen. Suzie gefiel es hier viel besser als auf der anderen Seite des Grats und ich konnte das schon ein bisschen nachvollziehen: Der Blick auf Loch Leven und das Glen Coe war spektakulär, das ja, aber eben doch getrübt von Häusern, Autos und Straßen. Das hier war pure Wildnis, wie in den Alpen.

Irgendwann mussten wir uns dann aber doch wieder davon losreißen und uns an den Abstieg machen. Es wurde windig und ein bisschen kalt. Der Weg nach unten war dann auch durchaus anspruchsvoll: Sehr steil und teilweise unebenes Terrain, aber wenigstens war da ein Weg, nicht nur eine Schneise, wie dort, wo wir den Berg hinaufgestiegen sind. So kamen wir doch sicher und verhältnismäßig beschwingt nach unten. Die Aussicht vor uns blieb spektakulär.

Und so hat es Glen Coe und die nähere Umgebung definitiv auf die Liste unserer Lieblingsplätze in Schottland geschafft.

1 Comment

  1. Munro-Bagging im Tal der Täler – Die Wanderwölfe

    11. August 2019 at 16:32

    […] hatten das Südende von Glen Coe erreicht, einem langgezogenen, wunderschönen Tal, dessen Nordende wir vor ein paar Wochen bereits erkunden […]

Leave a Reply