England, Reisen, Schottland

Inseltraum? Familienleben auf der Isle of Lismore

Wer uns kennt oder schon länger verfolgt, wird wissen, dass wir nach längeren Reiseperioden gerne mal eine Pause einlegen. Das hat mehrere Gründe: 

Wenn wir – wie hier in Schottland – sehr viele beeindruckende Orte hintereinander sehen, brauchen wir auch mal Zeit, um alle Eindrücke zu verarbeiten. Sonst laufen wir Gefahr, neue Orte gar nicht mehr wertschätzen zu können, weil wir sie sonst unweigerlich mit anderen, vielleicht noch schöneren Orten vergleichen, die wir gerade gesehen haben.

Auch Erfahrungen wollen verarbeitet werden. Langsam zu Reisen, ist für uns purer Luxus und wir genießen es, nichts planen zu müssen und jeden Morgen erneut entscheiden zu können, was sich gerade richtig anfühlt. Beim Reisen lernen wir, auf unser Bauchgefühl zu hören und gerade waren wir an einem Punkt, an dem wir kurz innehalten und reflektieren wollten. Darüber, wo wir auf dieser Reise schon waren, was wir erlebt haben, wohin es uns noch zieht, und welche Erfahrungen wir noch machen möchten. 

Wir reisen zwar absolut planlos, was die Route angeht, aber das liegt nur daran, dass wir sehr bewusst entscheiden wollen, was wir gerade brauchen, um zur Ruhe zu kommen oder um etwas zu lernen. Auf unseren letzten Reisen haben wir auch gemerkt, dass wir immer erst einmal zwei bis drei Wochen brauchen, um vom Alltag wegzukommen und uns wirklich auf die Reise einzulassen. Das merken wir daran, dass wir uns keine Sorgen mehr machen, dass wir ausgelassener und alberner werden und dass der Kopf allmählich frei wird; einfach dass sich keine Gedanken mehr um andere Dinge als um das unmittelbar Wichtige drehen: Essen, Schlafplätze und die Natur, die wir um uns herum erfahren. An so einem Punkt waren wir auf der Isle of Arran angelangt. Wir hatten gemerkt, dass wir uns vor allem zwei Dinge wünschten: einen tieferen Kontakt zu Einheimischen, um mehr über das Leben in Schottland zu erfahren, und eine kleine Atempause, bevor wir das Wundermobil in den Norden, in die Highlands, steuern würden.

Für uns sind Workaways immer ganz wunderbare Gelegenheiten, um genau das zu erleben. Eine Pause davon, jeden Tag an einem anderen Ort zu schlafen und weder eine eigene Dusche, Toilette, richtige Küche oder Waschmaschine zu besitzen; gleichzeitig sind sie eine Chance, unglaublich viel über das alltägliche Leben der Leute zu erfahren. Spontan schrieben wir eine Familie an, die auf einer Insel ganz in der Nähe von Arran wohnte – und wir hatten Glück. Am selben Tag, an dem wir Lust auf ein Workaway bekamen, verließen wir spontan die Isle of Arran und fuhren los in Richtung der Isle of Lismore.

Auf dem Weg dorthin blieben wir noch eine Nacht im idyllischen Easdale, eine winzige Insel, die man in weniger als einer Stunde umrunden kann. Man kommt dort nur mit einer kleinen Passagierfähre / einem Motorboot, das auf Abruf kommt, hin, auf die maximal 12 Leute passen. Wir übernachteten eine Nacht im Hafen – den Tipp hatten wir von einem netten schottischen Pärchen bekommen, das wir auf der Fähre von Arran getroffen hatten. Die Aussicht von dort auf die Klippen war der absolute Wahnsinn!

Den nächsten Morgen nutzen wir für eine Inselerkundung – vor allem die Quarry Pools in einem alten Steinbruch faszinierten uns. Ebenso, wie die alten und neuen Steinhäuser aus den lokalen Steinen, in Easdale kommen ganz sonderbare Gesteinsformationen vor.

Nach einer einstündigen Fahrt auf der Fähre von Oban (von wo aus wir vor fünf Jahren schon einmal auf die Isle of Mull gefahren sind und wegen unglaublich schlechten Wetters dort gleich am nächsten Tag wieder nach Oban zurückfuhren) erreichten wir die Insel. Lismore ist eine winzige Insel, etwa 16 Kilometer lang und 2 Kilometer breit und es leben nur etwa 160 Menschen dort. Auf der ganzen Insel gibt es nur einspurige Straßen, was das Fahren dort etwas abenteuerlich macht – wenn uns ein Auto entgegenkam, hofften wir immer inständig, dass nicht wir rückwärts bis zur nächsten Einbuchtung fahren mussten, um Platz zu machen.

Neben den Menschen leben auf Lismore zahlreiche Schafe und einige schottische Highland-Kühe. Übersetzt bedeutet Lismore „Garten“, denn durch den Kalkstein und das Klima auf der Insel wachsen dort besonders viele Wildblumen und es soll auch zahlreiche seltene Vögel geben. Wir haben ein paar sehr schöne Exemplare im Garten gehabt, aber ob sie selten sind, können wir nicht sagen. Dafür haben wir gleich am ersten Morgen eine Robbe im Wasser spielen sehen – vom Wohnzimmer der Familie, bei der wir aushalfen, konnte man direkt auf das Meer blicken. Die Arbeit bei Holly, dem dreijährigen Otis und dem sechs Monate alten Ossian belief sich auf ein wenig Gartenarbeit (allerdings nur an den Tagen, an denen es nicht regnete), Hilfe im Haushalt und beim Möbel verrücken sowie darauf, mit Otis zu spielen und ab und an ein Auge auf Baby Ossian zu haben. 

Mit zwei kleinen Kindern auf einer traumhaften schottischen Insel mit Meerblick zu leben, stellten wir uns zunächst sehr romantisch vor. Tatsächlich gibt es dort natürlich weder einen Kindergarten (aber eine Grundschule!) noch viele Beschäftigungsmöglichkeiten für Kinder. Bis vor ein paar Monaten gab es nicht einmal Trinkwasser aus der Leitung, erzählte uns Holly. Auch gibt es nur ein winziges Lädchen für Lebensmittel, sodass man alle größeren Einkäufe auf dem Festland erledigen muss – eine einstündige Fahrt mit der Fähre entfernt.

Auch das Haus hatte zwar eine traumhafte Lage, aber auch seine Macken. Die Möbel und wenig genutzten Zimmer waren teilweise schon etwas heruntergekommen und wer sich alleine um ein Kleinkind und einen Säugling kümmert, hat auch nicht immer die Zeit und Energie, alles ordentlich zu halten, das kann man sich ja vorstellen. Und bei dem häufigen Regen auf Lismore fällt einem trotz der Aussicht schnell mal die Decke auf den Kopf – vor allem, wenn man erst drei Jahre alt ist und die Energiereserven von fünf Erwachsenen hat.

Wir haben für uns beschlossen, dass wir den Inseltraum erst einmal verwerfen. Nichtsdestotrotz haben wir die Zeit auf Lismore und mit der Familie sehr genossen. In unserer großzügigen Freizeit haben wir die Insel erkundet und an einem Abend alle gemeinsam Hollys Mutter besucht, die gemeinsam mit ihrem Partner auf einem riesigen Grundstück auf der anderen Seite der Insel ein kleines Eco Hostel führt und gemeinsam mit helfenden Workawayern ein altes Steinhaus renoviert. Das Anwesen und das halb fertiggestellte Haus haben uns sehr an unsere Zeit auf Meadow Farm erinnert, genauso wie die seit ihrem 16. Lebensjahr vegan lebende Großmutter, die fünf Kinder großgezogen hat und sich nun um eine Schaar geretteter Legehennen und zwei gerettete Highland-Kühe kümmert – Penelope und Pat. 

Bei der Hühnerfütterung bot sich uns ein skurriles Bild: Während die Hennen sich vor bestem Panorama auf das Futter stürzten, setzten sich langsam die beiden Kühe in Bewegung und kamen auf uns zu – sie waren scharf auf das Hühnerfutter. Mit ihren riesigen Hörnern und den dichten Fransen vor der Nase wirkten sie auf uns wie Kampfmaschinen, die nicht einmal wissen, wo sie hinlaufen. Aber Granny hielt Penelope nur die Hand vor die Schnauze und schob den kleinen Otis hinter sich. Sie erklärte uns, dass die Kühe sehr friedlich seien und dass das auch der Grund sei, warum sie ihre Hörner hatten behalten dürfen. Allerdings hätte Penelope einst einen Bauern angegriffen, als dieser ihr zum wiederholten Male ein Kalb weggenommen hatte – zu Recht, meinte Granny.

Am folgenden Tag machten wir einen kleinen Ausflug mit einer anderen, kleineren Passagierfähre auf das Festland nach Port Appin. Das Meer war dort wunderbar klar und wir hatten einen weiten Blick auf die umliegenden Inseln: Mull, Lismore und Shuna sowie viele weitere kleine Inselchen.

Vom Hafen wanderten wir einige Kilometer zum Castle Stalker, eine kleine Burg, die pittoresk auf einer winzigen Insel im Wasser beziehungsweise im Sumpf steht.

Daneben liegt die Jubilee Bridge, die wir allerdings etwas enttäuschend fanden. Das spannendste daran war, dass wir dahinter durch eine Kuhherde laufen mussten und Julian mal wieder um sein Leben fürchtete.

Nach unserem Ausflug kippte leider das Wetter und wir verbrachten drei Tage mehr oder weniger im Haus, um dann wieder die Fähre nach Oban zu nehmen und weiter in Richtung Highlands zu fahren.

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