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Keine Straße hinter Rowardennon

Keine Straße hinter Rowardennon.

So stand es auf dem Schild. Wir hatten das Ende der Welt gefunden, mitten in Schottland, und zwar nicht in den tiefsten Highlands, sondern eine knappe Stunde nördlich von Glasgow.

Unser erster Stopp nach Edinburgh war der Nationalpark „Loch Lomond & the Trossachs“ bei Glasgow. Viele Einwohner der Stadt besuchen ihn für Ausflüge und kleinere Wochenendtrips, allerdings eher auf der Westseite des Sees Loch Lomond, wo alles ein bisschen touristischer ist. Auf der Ostseite? Gibt es ab einem gewissen Punkt eben nicht mal mehr eine Straße.

Bis zu besagtem Punkt kamen wir noch ziemlich gut voran. Die Straße war schmal aber gut gebaut und bot alle paar Kilometer Platz für einen Campingplatz oder kleinen Strand. An einem solchen, dem Milarrochy Bay, stoppten wir dann am frühen Mittag und waren vom ersten Augenblick an begeistert.

Vor uns lag ein schmaler Strand. Der Kies knirschte unter den Füßen, die Sonne schien uns ins Gesicht, und vor uns lag ein Panorama, wie wir es lange nicht mehr gesehen hatten. Kristallklares Wasser, das in der Sommersonne fast türkis aussah. Kleine Inselchen, die man nur mit dem Boot erreichen kann und dahinter Berge, braun und gewaltig, ein Alpenpanorama feinster Güte. Davor duckten sich hier und da kahle Bäume, die der Wind in ziemlich schräge Posen gezwängt hat. Ein bisschen erinnerte es uns an die Seenlandschaft von Guatapé in Kolumbien, womit wir nun wirklich nicht gerechnet hatten.

Aber wir blieben nicht etwa einfach nur am Strand liegen. Suzie war in Abenteuerstimmung. Also fragten wir zwei freundliche Ranger nach Spazierwegen in der Gegend und die verwiesen in tatsächlich gut verständlichem Englisch auf den Conic Hill, den man hinter den Bäumen bereits erkennen konnte. Ohne große Planung – und leider ohne etwas zu Essen – liefen wir los, erst am Wasser entlang über eine kleine Halbinsel, dann durch das Örtchen Balmaha und dann den Berg hinauf.

Der Weg war steil, aber die Aussicht war all das wert. Schon auf halber Höhe drehten wir uns immer wieder um und schwelgten einfach nur in dem, was sich unter uns auftat: Die Inseln, die sich in dem See tummelten wie kleine Spielzeuge in der Badewanne, sahen einfach nur fantastisch aus. Dahinter die Berge. Ein Naturtraum. Schottland, so wie man es von Prospekten kennt und es sich immer wieder vorgestellt hat. Vielleicht nicht ganz so wild wie die Highlands, aber dafür unglaublich idyllisch.

Der Weg führt weiter durch die typische britische Heidelandschaft, Gräser, Steine und niedrige Büsche, ein paar Mücken sind unterwegs, aber nicht zu viele. Die Aussicht wird mit jedem Meter besser. Und dann sind wir oben. Eine letzte Kuppe und wir haben den Gipfel gestürmt, 361 Höhenmeter immerhin, nicht schlecht, ohne etwas zu Essen im Bauch. Die Pause auf dem Gipfel ist hochverdient und dank der Aussicht ein Genuss.

Trotzdem steigen wir recht zügig wieder hinab, denn wir wollen uns noch etwas Erholung gönnen. Der Conic Hill sollte schließlich nur das Warm-Up für die große Wanderung am nächsten Tag sein – wir wollen den Ben Lomond besteigen (Ben = Berg), den südlichsten Munro Schottlands. Munros sind Berge, die höher als 3000 Fuß sind, also ab knapp 1000 Meter. Da wir auf Meeresspiegel loswandern, ist das schon knackig, so viele Höhenmeter sind wir nicht mehr gelaufen, seitdem wir vor knapp zwei Jahren den Mount Snowdon, den höchsten Berg in Wales, erklommen haben. Also lieber noch etwas ausruhen. Dieses Mal nehmen wir eine Abkürzung, einen etwas versteckten Hügellpfad, der uns schneller wieder zum Auto bringt.

Dann fahren wir wieder ein paar Kilomter am See entlang, bis nach Rowardennan, den Ort, hinter dem es keine Straße mehr gibt. Dort gibt es einen großen Parkplatz, vor dem sich mal wieder eine der kleinen Lotterien des Vanlife abspielt. Es gibt bestimmt an die hundert Parkplätze – die aber Geld kosten und nachts abgesperrt werden. Vor diesem offiziellen Parkplatz gibt es vielleicht fünf oder sechs Stellplätze, die komplett frei sind. Und wir haben Glück. An diesem Abend steht unser Van mit Aussicht auf den Loch Lomond, das Wasser nur zwei Meter vom Auto entfernt und das auch nur, weil der Parkplatz ein bisschen erhöht ist. So lässt es sich schlafen!

Am nächsten Morgen knallt die Sonne vom Himmel, wie man es vom Italien- nicht vom Schottlandurlaub erwarten würde. Das hält uns natürlich nicht ab – Sonnencreme drauf und los geht’s.

Die Wanderung hat es von Anfang an in sich. Erst geht es eine Weile durch einen angenehm kühlen Wald, dafür steile, natürliche Treppen hinauf, sodass wir schnell ins Schwitzen geraten. Über uns ragt der Ben Lomond in die Höhe, die Spitze ist der einzige Ort weit und breit, der ein Stück im Schatten liegt und von einer einzelnen rebellischen Wolke beschützt wird – die perfekte Motivation. Denn es wird verflucht heiß. Als wir aus dem Wald herauslaufen, taucht hinter uns wieder die Aussicht auf die Seen auf und wird mit jedem Höhenmeter spektakulärer, dafür knallt uns die Sonne immer stärker auf den Rücken. Als wir die gefühlte Höhe des Conic Hill erreichen, sind wir längst komplett durchgeschwitzt und spüren ein erstes Brennen in den Oberschenkeln. Im Mittelteil wird die Wanderung ein wenig flacher, der Pfad ist schmal, aber gut ausgetreten. Jetzt kommen wir ziemlich schnell voran und überholen auch ziemlich viele andere Wanderer – die Ben Lomond Wanderung ist beliebt und das, zu unserer Überraschung, bei Jung und Alt. Viele haben Hunde dabei. Es ist immer wieder faszinierend, welche Kraftreserven in Sechsjährigen und Dachshunden stecken können… Einige vom Wahnsinn gepeitschte tragen sogar ihre Mountainbikes den gesamten Berg hinauf.

Zum Ende hin zieht die Wanderung wieder etwas an. Es geht jetzt steil den Berg hoch und das auf felsigen Steinpfaden, wo wir zum ersten Mal froh sind, dass es kein bisschen nass ist – außer auf unseren Rücken natürlich. Der Gipfel ist jetzt ganz nah, aber es zieht sich trotzdem. Immer taucht noch eine Kuppe auf, die wir erklimmen müssen, als wir uns schon am Ziel wähnen und dann noch eine und dann noch eine. Die letzten Meter schleppen wir uns eher, als das wir noch laufen. Knapp 1000 Höhenmeter haben wir hinter uns gebracht und das in nur gut zwei Stunden, statt der dafür vorgesehenen drei. Dafür lohnt es sich durchzuhalten. Hinter dem Gipfel taucht ein ganz neues Bild auf, der Nordosten des Nationalparks, eine Berglandschaft voller Gipfel, Täler und kleinerer Bergseen. Nur ganz wenige einsame Häuser sind darin verteilt und auf einmal ist klar, warum es keine Straße mehr dort gibt. Diese Art der Wanderung liebe ich ja – wenn sich die beste Aussicht erst mit dem letzten Schritt ergibt.

Leider ist der Gipfel, ganz schottisch, mal wieder von Mücken, Bremsen und allerlei sonstigem Geschmeiß bevölkert, sodass wir recht schnell wieder hinabsteigen. Die wohlverdiente Mittagspause machen wir ein Stück unterhalb des Gipfels – Pitabrot, Nüsse und Baked Beans.

Auf dem Weg nach unten treffen wir all die Menschen, die wir vorhin überholt haben, und am liebsten möchte man ihnen zurufen: „Haltet durch! Nicht mehr lange! Es lohnt sich!“ Wir dagegen steigen wieder hinab und genießen die Aussicht auf den See und die Inseln. Es ist immer noch heiß, aber bergab leuchtet die Welt auch in dieser Hinsicht in einem anderen Licht.

Unten am See sind wir ziemlich erschöpft, aber froh. Die Belohnung für die Wanderung ist ein Stellplatz wie im Paradies und ein sonniger Nachmittag, der gerade erst angebrochen ist. Und ein Bad im See. Der ist eiskalt, aber doch wunderbar erfrischend und genau das richtige nach 1000 Höhenmetern.

Am nächsten Tag haben wir auf unserer Reise nach Westen tatsächlich auch noch die Westseite des Loch Lomonds erkundschaftet. Dort sieht es auf geradezu wundersame Weise anders aus als im Osten: Das Wasser ist viel grauer, unruhiger, wahrscheinlich tiefer und es sind tatsächlich viel mehr Touristen und Tagesausflügler unterwegs. Ein paar andere Dinge bleiben dann aber doch gleich. Die wundervolle Aussicht auf die Inseln und die Berge zum Beispiel. Und, dass wir mal wieder einen Stellplatz direkt am Wasser gefunden haben…

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