England, Reisen, Schottland

North Coast 500 – eine der schönsten Straßen Europas?

Wer sich über Sehenswürdigkeiten in Schottland informiert, wird schnell auf die so genannte „North Coast 500“ stoßen, eine Route entlang der Nordküste des Festlandes, die etwa 500 Meilen umfasst. Da wir große Fans von szenischen Straßen sind (hallo Australien und Island), stand die NC500 schon länger auf unserer Liste.

Wir haben von Einheimischen gehört, dass der Teil der Route an der Westküste deutlich schöner sein soll als der an der Ostküste. Also beschlossen wir, nach Glencoe die Küste weiter nach Norden zu fahren, bis wir auf die NC500 stoßen und den Teil an der Ostküste abzukürzen.

Zunächst führe uns der Weg nach Fort William, dem „Outdoor-Mekka“ Schottlands. Die Stadt liegt nah am höchsten Berg im Vereinigten Königreich: Ben Nevis. Daher zieht sie Wanderfreunde aus der ganzen Welt an und viele weitere Touristen, die von dort aus in die umliegende Landschaft reisen. Wir verbrachten einen entspannten Tag in der Stadt, füllten Tank und Kühlschrank auf und verabschiedeten uns dann für die nächsten Tage von der Zivilisation.

River Garry

Auf dem Weg zur Küsten stoppten wir zunächst am River Garry und wanderten durch einen idyllischen Mooswald zu einem kleinen Wasserfall. Überall auf dem Weg sprangen winzige Frösche herum, sodass man teilweise echt aufpassen musste, wo man hintrat – auf dem braunen Waldboden waren die Tierchen kaum zu erkennen.

Wir fuhren weiter durch das Landesinnere bis zum Eilean Donan Castle, wo wir mit bester Aussicht auf die Burg im Dorf Dornie die Nacht verbrachten. Nachts wurde die Burg beleuchtet und der Anblick machte es uns wirklich schwer, rechtzeitig ins Bett zu gehen. Die Sonne geht hier momentan erst spät unter, nach 10 Uhr. Aber wir wussten, dass wir für den nächsten Tag viel Energie brauchen würden und so machten wir dann doch irgendwann die Kamera aus und die Vorhänge zu…

Eilean Donan Castle

Wenn man die NC500 im Uhrzeigersinn entlang fährt, also von Westen nach Osten, sieht man die Highlights zuerst und das liegt daran, dass gleich der erste Teil der Strecke ein abenteuerlicher, einspuriger Bergpass ist. In dem Moment war ich über die letzten Wochen Fahrpraxis doch sehr dankbar, denn die Straße wird nur für „geübte Fahrerinnen und Fahrer“ empfohlen. Bei schlechten Wetterverhältnissen ist die Straße dort gar nicht befahrbar. Wir hatten zum Glück strahlenden Sonnenschein und blauen Himmel.

Applecross Peninsula

Entlang des Passes gibt es alle hundert Meter eine kleine Bucht, in der zwei Fahrzeuge aneinander vorbeifahren können. Wenn einem jedoch ein riesiges Wohnmobil entgegenkommt und links von einem der Abgrund lauert, muss man sehr sehr vorsichtig rangieren. Sagen wir so, ich hätte lieber den rechten Außenspiegel geopfert, statt zu nah an den Rand zu fahren.

Aber es ist alles glatt gegangen und auf halber Strecke wurden wir mit einer traumhaften Aussicht für die Anstrengungen der letzten Stunde belohnt. Am Horizont konnten wir die beeindruckenden Bergformationen der Isle of Skye bewundern, davor das Meer und das Gebirge, durch das wir gerade fuhren.

Danach ging es meistens bergab, und so langsam hatte ich mich an das ständige Bremsen und rangieren gewöhnt. Als wir um eine Ecke bogen konnten wir einen ersten Blick auf unser Ziel erlangen, den Strand von Applecross, einem winzigen Dorf (bzw. einer Ansammlung von Häusern) an der Spitze der Halbinsel. Wir fuhren zu einem Parkplatz am Wasser und verbrachten dort einen wunderbaren Strand-Nachmittag.

Upper Loch Torridon

Zum Schlafen fuhren wir noch einige Kilometer weiter in das Dorf Shieldaig, wo wir auch wieder einen Platz am Wasser fanden.

Das Wetter war absurd gut und das Meer erinnerte uns eher an die Riviera als an die eisigen Nordmeere.

Auf der Straße begegneten uns nicht nur Schafe, sondern auch das das ein oder andere Highland-Rind. Die Tiere waren so entspannt, dass wir um sie herumfahren mussten, sie haben sich keinen Meter bewegt!

Leider hatte ich mich beim kleinen Otis mit einer Erkältung angesteckt (wir hatten beide gehofft, dass es an uns vorbei gehen würde) und so wurden wir etwas zum Innehalten gebracht. Am nächsten Tag fuhren wir in das nahe Torridon und ich verbrachte den Tag im Bett und Julian im nahegelegenen Café. Immerhin die Aussicht war wunderschön und wir konnten auf einer kleinen Insel gegenüber sogar einige Rehe sehen.

Gegen Nachmittag fuhren wir weiter nach Kinlochlewe, wo wir die Nacht verbrachten. Die Torridon Mountain Range zeigte sich noch einmal von seiner besten Seite.

Auf dem Weg dorthin zeigte Julian auf einmal aufgeregt aus dem Fenster und zeigte auf einen von der Straße aus etwas erhöhten Felsen. Da stand tatsächlich ein Hirsch! Auf dem darunter liegenden Parkplatz gab es schon einen kleinen Menschenauflauf und wir gesellten uns sofort dazu.

Ganz unbeirrt von den vielen Menschen stand er wie eine Statue auf dem Felsen und machte sich kurz darauf an den Abstieg und kam auf den Parkplatz. Wahrscheinlich war er auch schon zuvor einmal gefüttert worden und es dauerte auch jetzt nicht lange, bis ein Mann ihm etwas zuwarf. So schön es ist, Wildtiere aus der Nähe sehen zu können, füttern oder gar streicheln sollte man sie auf keinen Fall – eigentlich sind es nämlich sehr scheue Tiere und in den saftigen Bergen Schottlands finden die Wiederkäuer genug zu fressen, falsches Futter dagegen kann sie krank machen. Und so erinnerte der vorher so majestätisch auf dem Felsen thronende Rothirsch inzwischen mehr an ein Tier im Streichelzoo. Wir waren trotzdem sehr froh, dass wir genau zu diesem Zeitpunkt die Straße entlang gefahren waren und das Tier bewundern durften.

Nach Kinlochlewe ging es mir schon etwas besser und wir fuhren weiter in den Norden nach Ullapool. Nach zwei Stopps, um die Landschaft zu bewundern und einem Besuch der Falls of Measach, erreichten wir die Stadt.

Auf dem Weg nach Ullapool

Falls of Measach

Wir hatten gelesen, dass einem das kleine Städtchen mit 1500 Einwohnern nach den letzten winzigen Dörfern wie eine Großstadt vorkommen sollte. So war es tatsächlich. Da man dort nicht gut frei stehen konnte, gönnten wir uns einen Campingplatz und beendeten den Tag gemütlich und grillten mit Blick auf das Meer.

Neben uns zelteten zwei Koblenzer im besten Alter, die uns von ihrer Route erzählten. Von Deutschland aus bereisten sie gerade Schottland, dann werden sie durch Irland und Frankreich fahren, um dann nach Thailand und schließlich Neuseeland zu fliegen. Das Besondere: Sie fahren alle Strecken mit dem Fahrrad. Am letzten Tag hatten sie 70 Kilometer mit über 1000 Höhenmetern durch die Berge zurückgelegt. Das sind immer die Momente, in denen Julian und ich uns anschauen und lachen müssen. Zuhause sieht es immer so aus, als würden wir außergewöhnliche Dinge machen, aber wenn wir unterwegs sind, sind wir im Vergleich meistens die absoluten Langweiler – das lieben wir so am Reisen! Es rückt (unsere eigenen) verzerrten Standards wieder zurecht und zeigt uns, dass es (uns) fast in allen Lebenslagen möglich ist, die Welt zu entdecken (heute Nacht haben zwei Deutsche mit Baby in einem uralten Ford-Camper neben uns geschlafen).

Obwohl es ursprünglich nicht so geplant war, war Ullapool schon das Ende unserer Reise auf der NC500 – aber was sind schon Pläne. Der Wetterbericht zeigte Regen für die nächsten Tage und während ich langsam wieder auf die Beine kam, fühlte Julian sich zunehmend weniger fit. Wanderungen waren also für die nächsten Tage gestrichen und im Regen in wunderschöner Landschaft im Bus zu sitzen war nicht das, wonach uns der Sinn stand. Außerdem gefiel uns der Gedanke, noch ein paar besondere Ecken des Landes für einen späteren Besuch übrig zu lassen.

Also beschlossen wir kurzerhand, Richtung Osten nach Inverness zu fahren, dem Tor zu Loch Ness. Bei Regen kann man in einer Stadt einfach mehr machen als im Nirgendwo und das Wetter war für den Südosten deutlich besser angesagt.

Black Water Falls & Rogie Falls

Auf dem Weg nach Inverness besuchten wir noch zwei Wasserfälle. An einem kann man manchmal Lachse den Fluss hinausschwimmen sehen, aber wir konnten leider keine entdecken.

Inverness

In Inverness angekommen fanden wir einen wunderbaren Stellplatz am Wasser und haben unseren ersten richtig schönen Sonnenuntergang gesehen. Außerdem haben wir endlich herausgefunden, wie man von innen die Hintertüren im Bus aufmacht (fragt nicht…) und konnten die Aussicht so direkt aus dem Bett genießen. Manchmal kann man hier Delfine sehen, aber leider haben wir keine entdeckt. Weil der Sonnenuntergang so lange anhielt, machten wir statt Delfin-Fotos dann noch einige Erinnerungsfotos von uns.

Fazit North Coast 500

Obwohl wir nicht einmal die Hälfte der NC500 abgefahren sind, fanden wir die Strecke wunderbar abenteuerlich und die Aussichten größtenteils phänomenal. Vor allem bei gutem Wetter gibt es entlang der Route auch zahlreiche Wanderungen, in denen man die Landschaft noch intensiver entdecken kann. Wir haben mit den Highlights angefangen, generell wird jedoch empfohlen die Route so zu fahren, dass der schönste Teil – also der Westen – als letztes kommen. Vielleicht fahren wir im August nochmal einen anderen Teil der NC500 Strecke und können dann mehr berichten.

Leave a Reply