England, Reisen, Schottland

„Snow Roads“ im Cairngorms Nationalpark

Nachdem wir die North Coast 500 wegen des Wetters verlassen hatten, standen wir vor der Frage, was wir nach unserem darauf folgenden Stopp in Inverness ansehen wollten. Wir hatten noch vier Nächte, bevor wir wieder in Edinburgh sein mussten. Und wie so oft auf Reisen, fanden wir die Antwort ganz unverhofft auf dem Weg.

Einer spontanen Eingebung folgend entschieden wir uns, nach einem schönen Tag in Inverness gegen den Besuch des Loch Ness und fuhren in Richtung des Cairngorm Nationalparks. Dieser ist einer der beiden Nationalparks in Schottland (Loch Lomond and the Trossards ist der andere) und der größte Nationalpark im Vereinigten Königreich. Er wird auch als Nationalpark der Highlands bezeichnet, denn fast alle der höchsten Berge des Landes befinden sich dort; davon ist aber keiner höher als 1.310 Meter (Ben Nevis, der höchste Berg Schottlands ist 1.345 Meter hoch).

Wir fuhren zunächst zu einem Stellplatz in Carrbridge, ein Ort am nördlichen Rande des Nationalparks. Der Ort selbst war für seine alte Brücke berühmt, die älteste Steinbrücke in den Highlands aus dem Jahr 1717.

Außerdem waren im gesamten Dorf Holzschnitzereien verteilt, beinahe in jedem Garten stand eine!

Auf dem Parkplatz, auf dem wir übernachteten, lasen wir auf dem lokalen schwarzen Brett einen Artikel darüber, dass die schottischen Highlands vom Lonely Planet zu den Top 5 „Best places to visit in 2019“ gekürt wurden. Neben der NC500 wurden auch die so genannten „Snow Roads“ empfohlen, eine szenische Route durch den Cairngorms Nationalpark, die gleichzeitig die höchstgelegenste öffentliche Straße des Landes ist. Die Straße ist ca. 140 Kilometer lang, noch nicht so bekannt wie die NC500 (wir hatten auch noch nirgendwo davon gelesen) und sie erschien uns als ein perfekter Abschluss des ersten Abschnitts unserer Reise.

Wir füllten noch einmal Tank und Kühlschrank im nahegelegenen Aviemore auf (das – bis auf die guten Supermärkte – übrigens nicht besonders sehenswert ist) und machten uns auf in die Wildnis. Und wild sollte es werden.

Im Gegensatz zur NC500 sind die Snow Roads größtenteils zweispurig, nur etwa 20 Kilometer im mittleren Teil sind einspurig und man muss dort regelmäßig anhalten, um den Gegenverkehr vorbei zu lassen. Dennoch sind die Straßen in deutlich besserem Zustand und das Fahren ist angenehmer als an der Nordküste.

Unser Weg durch den Nationalpark begann in Tomintoul, einem winzigen Dorf. Wir fanden einen schönen Stellplatz mit Blick auf die umliegenden Hügel und erkundeten auf einem längeren Rundweg die Umgebung. Die Landschaft war hier noch nicht so wild, eher idyllisch und ländlich, mit vielen Wiesen und Weiden.

Zum Spaß begannen wir, die in Schottland so zahlreich wachsenden Wildblumen am Wegesrand zu sammeln und tatsächlich hatten wir am Ende des Spaziergangs bestimmt zwei Dutzend verschiedene Arten gefunden. Außerdem ein halbes Vogelei und eine schöne Feder.

Wie der Zufall es so wollte, fanden in Tomintoul zum Zeitpunkt unseres Besuchs gerade die jährlichen Highland-Games statt. Und so kamen wir am nächsten Morgen in den Genuss einer schottischen Dudelsack-Parade.

Auch das Dörfchen selbst erkundeten wir und besonders die viktorianische Architektur hat es uns inzwischen angetan.

Am Mittag fuhren wir ein Stück weiter und machten eine kleine Wanderung zum Glenmulliach Aussichtspunkt. Das Wetter war eher trüb und wir konnten die Regenwolken über das umliegende Land ziehen sehen.

Als wir weiterfuhren, wurde das Wetter zwar nicht besser, die Landschaft aber schon deutlich wilder.

Wir stoppten am Balmoral Castle, der Sommerresidenz der britischen Königsfamilie und einem beliebten Touristenziel. Leider war das Schloss bei unserer Ankunft schon geschlossen und man konnte absolut nichts davon von außen sehen – sicher auch zum Schutz der Privatsphäre der Royals. Also hier nur ein Foto von Julian vor der Brücke vor dem Park, der zum Schloss führt.

Dann begann der wirklich wilde Teil unseres Abstechers in die Cairngorms. Wir hatten von einem tollen Stellplatz in der Nähe von Balmoral gelesen, der relativ klein und unbekannt sein sollte. Als wir dort ankamen, war uns allerdings schon ein Camper zuvorgekommen. Einer der drei schottischen Van-Besitzer gab uns allerdings einen Tipp für einen weiteren, noch unbekannteren Stellplatz ganz in der Nähe: „Follow this road over there and go left at the next junction. Then drive until you reach a bridge.“ Der vagen Beschreibung folgend fuhren wir eine ganze Weile über – wie sich herausstellte – Schotterpisten, bis wir relativ sicher waren, die richtige Brücke gefunden zu haben.

Wir waren mitten im Nirgendwo. Einige hundert Meter von uns hatte ein Schild das Gebiet „The Moor“ angekündigt und so sah es auch aus. Um uns herum waren zahlreiche Hasen und Moorhühner, aber kein anderer Mensch. Der absolute Traum! Wir schliefen neben einem kleinen Fluss am Fuß eines verlassenen Bauernhauses und sogar das Wetter spiele mit und wir sahen noch einen schönen Sonnenuntergang.

Am nächsten Morgen kam dann tatsächlich doch ein Auto vorbei und ein Mann rief uns freundlich zu, dass es nicht erlaubt sei, dort zu campen. Anscheinend war es Privatland, was wir natürlich vorher nicht wussten. In Schottland führen oft Wanderwege durch Privatland und man hat das „Right to Roam“, darf also überall einfach entlang laufen, theoretisch auch mitten durch den Garten anderer Menschen. Auch wild zelten (mit dem Zelt) ist theoretisch überall erlaubt, nur das Schlafen im Campervan fällt nicht unter dieses Gesetz. Zum Glück hatten wir zu dem Zeitpunkt, an dem der Mann vorbeifuhr, schon längst unsere Pfannkuchen gefrühstückt und uns in Ermangelung einer Dusche gegenseitig einen Eimer Wasser über den Kopf gekippt. Zufrieden mit dem Lauf der Ereignisse und der wunderbaren Nacht im Nirgendwo fuhren wir weiter in Richtung Braemar.

Die Snow Roads (auf denen im Sommer übrigens kein Schnee liegt), machten noch einmal ein paar szenischen Wendungen durch die Berglandschaft und nach kurzer Zeit kamen wir im kleinen Dorf Braemar an. Auch hier beeindruckte uns die Architektur und auch hier durften wir eine Dudelsack-Vorführung miterleben.

Und dann ging es auch schon zum letzten Stopp unserer Reise durch die Cairngorms. Kurz vor Ende des Nationalparks verbrachten wir noch einmal eine Nacht auf einer Art Felsen mit einer phänomenalen Aussicht. Das Wetter war wieder gekippt und es regnete und abends floss der Nebel ins Tal. Das sah so wunderbar poetisch und schottisch aus und war ein perfekter Abschluss für diese kleine Episode unserer Reise, die so unverhofft gekommen war und die wir sehr genossen haben.

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