England, Reisen, Schottland

Munro-Bagging im Tal der Täler

An meinem Geburtstag hatten wir uns einen auf dieser Reise nie dagewesenen Luxus gegönnt (aka ein Hotelzimmer mit Frühstück am Loch Awe), jetzt, am nächsten Tag stand wieder Abenteuer auf dem Programm. Nach einem kurzen Stopp am Kilchurn Castle und im Rannoch Moor, erreichten wir am Abend meines Geburtstages das Tal der Täler.

Wir hatten das Südende von Glen Coe erreicht, einem langgezogenen, wunderschönen Tal, dessen Nordende wir vor ein paar Wochen bereits erkunden durften.

Hier hatten wir eine Wanderung geplant, die uns etwa neunhundert Höhenmeter nach oben auf die Munros Nummer vier und fünf auf unserer persönlichen Liste bringen sollte. Das würde zwar anstrengend werden, aber wir waren trotzdem ziemlich motiviert, immerhin waren wir solche Wanderungen mittlerweile einigermaßen gewöhnt. Mehr Sorgen machte uns dagegen das Wetter: An meinem Geburtstag hatte es von Morgens bis abends geradezu infernalisch geschüttet. Für diesen Tag sagte der Wetterbericht Regen ab etwa 14:00 voraus, jedenfalls, als wir ihn noch checken konnten, denn in Glen Coe hatten wir kein Netz. Am Vorabend der Wanderung waren wir also durchaus ein wenig besorgt, ob es a) regnen könnte, b) der Weg vollkommen matschig sein würde oder c) die Aussicht von einer Wolkendecke verschluckt werden würde.

Aber gut, sagten wir uns, all das würden wir erst sehen, wenn wir oben auf dem Gipfel sind.

Wenigsten schafften wir es, morgens zeitig loszuwandern, um 9:00 Uhr, was uns für die fünf- bis sechsstündige Wanderung eigentlich genug Zeit einräumen sollte. Dass die Wanderung direkt vom Parkplatz losging, auf dem wir im Bus geschlafen hatten, erinnerte uns mal wieder an die Vorzüge des Vanlife.

Der erste Teil der Wanderung war dabei gleich der anstrengendste. Etwa fünfhundert Höhenmeter ging es mehr oder weniger gerade auf steinernen Treppenstufen bergauf. Die Aussicht war hier dafür schon ganz gut. Jedes Mal, wenn wir uns beim Laufen umdrehten, sahen wir Glen Coe und die felsigen Bergwände, die es umgeben.

Unsere Vorfreude stieg auf jeden Fall mit der Höhe! Der Weg war auch in gutem Zustand und nicht allzu mitgenommen von den Regenfällen am gestrigen Tag. Dafür waren die Bergspitzen über uns, wie so häufig in Glen Coe, in dichten Nebel gehüllt – aussichtstechnisch hofften wir definitiv noch auf Verbesserung.

Zum Ende hin wurde der Weg dann noch einmal richtig steil. Die Aussicht, die uns erwartete, machte das aber wieder mehr als wett: Über den Grat hin sahen wir auf einmal in ein zweites Tal hinein, das Glen Etive. In diesem wurde übrigens das Ende von „James Bond – Skyfall“ gedreht, weswegen es sich bei Touristen steigender Beliebtheit erfreut. Noch war es allerdings ziemlich verlassen, kein Vergleich zum dicht durchfahrenen Glen Coe, und das liegt wahrscheinlich hauptsächlich an der Straße. Hunderte Meter unter uns wand sich eine winzige, sandige Single-Track-Road durch das Tal – wer dort hineinfahren will, braucht jedenfalls Abenteuermut. Zum Glück wollten wir ja nicht hinein, sondern darüber hinaus…

Auf dem Grat präsentierten sich uns zwei Möglichkeiten, anders gesagt: zwei Munros. Zu unser linken ragte der Stob Coire Raineach (925m) in die Höhe, der uns ziemlich steil und schroff vorkam. Rechts dagegen war der Stob Dubh (956m), der ein bisschen einladender aussah und auf der Spitze beste Aussichten auf das Ende von Glen Etive bieten sollte – also kletterten wir zuerst dort hinauf.

Und klettern mussten wir, wenn auch nur kurz. Vor diesem Abschnitt hatten wir bei der Planung noch ein bisschen Bammel gehabt, aber im Endeffekt verlief es dann doch eher glimpflich. Es ging zwar zu beiden Seiten steil nach unten, aber der Weg war noch einigermaßen breit und wir fanden immer gute Tritt- und Festhaltegelegenheiten. Kein Vergleich jedenfalls zum Pap of Glencoe, wo wir kurz vor dem Gipfel umgedreht waren, weil es uns zu steil war.

Schon auf halbem Weg sahen wir dann auch tatsächlich den großen See, Loch Etive, und wurden ein bisschen wehmütig, dass wir nicht auch mit dem Campervan in das Tal hineingefahren waren. Aber was für eine Aussicht! Die Wolken zogen jetzt unglaublich schnell über den Himmel, sodass wir immer mal wieder im Grau gefangen waren, nur um dann doch wieder für kurze Zeit perfekte Sicht zu haben. Auf dem Gipfel wurde es dann sogar noch besser: Unter uns River Etive und Loch Etive, ein paar waldige Hänge, zu beiden Seiten schroffe, enge Täler in grau und grün, und in der Ferne die Berge der schottischen Highlands – so muss Wandern sein!

Hinter dem Gipfel ging es dann sogar noch für ein paar Meter weiter einen Felspfad entlang, dann drehten wir um und machten uns wieder an den Abstieg. Paradoxerweise stellten wir dabei fest, dass nach unten klettern viel entspannter ist als nach oben zu klettern – eigentlich entgegen der landläufigen Meinung. Wahrscheinlich liegt es daran, dass man immer sieht, wohin man tritt.

Als wir wieder unten auf dem Grat angekommen waren, hatten wir uns jedenfalls wieder einigermaßen erholt und waren guter Dinge, auch den zweiten Munro in Angriff zu nehmen. Der war jedoch mindestens so steil, wie er von unten aussah; da wir aufgrund der allgegenwärtigen Midges und Mücken nur eine kurze Mittagspause gemacht hatten, brannten uns schon nach wenigen Schritten die Beine. Zum Glück war es recht schnell vorbei – der Weg zum Gipfel war knackig, aber kurz. Und diese zweite, vollkommen andere Aussicht vertrieb die Müdigkeit schnell aus unseren Köpfen. Von diesem Gipfel aus hatten wir wirklich eine rundherum Panorama-Aussicht. Und das beste war: Die Wolken waren alle weg! Wir sahen zum ersten Mal an diesem Tag wirklich kilometerweit. Von den angekündigten Wolken und dem Wetterumschwung war nichts zu sehen.

Vor uns sahen wir Reihen über Reihen von Hügeln und Bergen, unbewohntes Gebiet und die Ausläufer des Rannoch Moors. Dazwischen schmiegte sich das Blackwater Reservoir an die Berghänge, ein langgezogener, künstlicher Stausee, kristallklar und mit kleinen, weißen Sandstränden – ein Hauch Karibik in den Highlands.

Zu unserer Linken konnten wir jetzt fast ganz Glen Coe sehen, bis nach Loch Leven, wo wir vor ein paar Wochen schon Station gemacht hatten.

Glen Coe und Loch Leven

Rechts unter uns war immer noch der Flaschenhals von Glen Etive.

Glen Etive und Loch Etive im Hintergrund

Und hinter uns Suzies persönliches Highlight: Der Gipfel von Stob Dubh, den wir gerade erst bestiegen hatten, und der fast schon isoliert zwischen den beiden Tälern aus dem Boden ragte. Dahinter lag Loch Etive, daneben Berge über Berge.

In welcher Richtung war die Aussicht am Schönsten? Ich kann mich, ehrlich gesagt, nicht entscheiden. Alles zusammen kreierte einen Zauber, der wahrscheinlich nur beim Wandern entstehen kann: eine Wunderwelt mit eigenen Augen zu sehen und dabei zu wissen, dass man sie sich selbst erarbeitet hat, mit Muskelkraft und Ausdauer. Es war jedenfalls majestätisch! Ein Highlight unserer Schottland-Reise. Glen Coe teilt sich in unseren Augen bisher jedenfalls den Titel der „Schönsten Landschaft Schottlands“ mit dem Abschnitt der NC500 vor Ullapool – und das muss man erstmal schaffen, in einem Land, das so voller unberührter Schönheit ist wie Schottland.

Der Abstieg zum Grat und wieder hinunter zum Parkplatz ging dann zwar nicht unbedingt leicht, aber beschwingt von Statten. Was sind schon schmerzende Knie und eine Blase am linken Fußzeh (hundsgemeines Stück!) gegen innere Erfülltheit? Und, passenderweise nach einer solchen Wanderung, wurde das Wetter nicht etwa rapide schlechter, sondern immer besser! Im Endeffekt schien an diesem ganzen verdammten Tag die Sonne, teilweise so heiß, dass wir barfuß und in kurzen Hosen im Bus saßen und jedem kleinen Windhauch hinterher hechelten. Was war also die Lektion dieses Tages? Wandern schmerzt, aber lohnt sich. Und: Trau keinem Wetterbericht in Schottland!

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