England, Reisen, Schottland

Der alte Mann und der Mond

Nachdem wir den Südwesten der Isle of Skye erkundet hatten, machten wir uns auf in den Nordosten. Dort sollten die größten Touristenattraktionen der Insel liegen: der sogenannte Old Man of Storr, eine ziemlich markante Gesteinsformation, und die wilde Mondlandschaft Quiraing. Der gesamte Zipfel der Insel sollte das Paradies sowohl für Geologen als auch Touristen sein. Bevor wir diese allerdings erkundeten, machten wir uns einiges an Gedanken. Ich habe ja schon geschrieben, dass Skye angeblich so von Touristen überlaufen sein soll, wovon wir zwar im Südwesten kaum etwas mitbekommen hatten, dafür in Portree – der größten Stadt der Insel – aber umso mehr. Parkplatz? Schwierig. Platz im Cafe, um die Laptops aufzuladen? Guter Witz.

Also mussten wir kreativ werden. Und das bedeutete, Van sei Dank, schon am Abend zum Old Man of Storr zu fahren und kurzerhand auf dem Besucherparkplatz zu übernachten. In solchen Momenten liebe ich unseren Bulli einfach oder besser, die Freiheit und Flexibilität, die er uns bietet. Als am nächsten Morgen um 7:00 Uhr der Wecker klingelte und wir loswanderten waren wir zwar nicht die ersten, aber trotzdem den heranrollenden Touristenhorden meilenweit voraus.

Dafür merkte zumindest ich am Anfang die Beine. Der zu Beginn noch gut ausgebaute Weg führte nämlich vom Fleck weg steil den Berg hinauf und ich hatte einige Mühe, mit Suzie mitzuhalten – zumindest bis die morgens hastig hinein gemümmelten Haferflocken so richtig reinkickten. Der Old Man of Storr war dabei von Beginn an über uns sichtbar. Schon ein lustiges Teil, oder? Irgendwie glaubt man kaum, dass die Natur wirklich einen so freistehenden Felsen produziert hat. Und noch viel weniger konnte ich glauben, dass er bei einem der ja doch recht häufig auftretenden Stürme nicht einfach umfällt. Aber vielleicht macht das die Faszination des Old Man aus – dass man unweigerlich das Gefühl hat, er könnte jeden Moment zusammenbrechen. Andererseits war es immer noch massiver Fels, also waren meine Sorgen vielleicht unbegründet.

Unterhalb des Old Man of Storr endete der Weg dann und entließ uns in ein weitläufiger, matschiges Steinfeld. Völlig allein waren wir nicht, aber viel los war auch nicht – das frühe Aufstehen hatte sich definitv gelohnt. So bestärkt kletterten wir also weiter bergauf. Denn der Old Man ist nicht das einzige, weswegen sich diese kleine Wanderung lohnt: Die Aussicht auf so ziemlich alles andere ist schlicht und ergreifend ebenso beeindruckend.

So stiegen wir für etwa eine halbe Stunde weiter den Berg hinauf, bis wir ein kleines Plateau überhalb des Old Man erreichten. Bevor wir uns der Aussicht von dort oben widmen konnten, mussten wir uns allerdings erst einmal an die natürlichen Gegebenheiten gewöhnen. Geradezu orkanartige Böen wehten uns entgegen, sodass wir uns kaum trauten, nahe genug an den Rand der Plattform zu gehen, um die Aussicht voll zu genießen. Im Ernst: Wann ist uns zuletzt ein so starker Wind entgegengeblasen, dass wir Schwierigkeiten hatten, zu atmen? Immerhin blies uns der Wind die letzten Rest Müdigkeit aus dem Schädel. Spätestens da war ich hellwach.

Und dann war da ja noch die Aussicht. Vor uns der Old Man of Storr mit den Bergen im Hintergrund, daneben die Straße nach Portree, die an ein paar Seen vorbei durch die Hügel führt. Das eigentliche Highlight lag aber fast links von uns: das Meer. Und dahinter Festland, Berge, wie immer in Schottland, und ein paar kleine versprengte Inselchen. Es ist schon ein Dilemma: Irgendwie sind die größten Touristenspots blöd, weil sie so überfüllt sind – aber ich kann eben auch verstehen, warum alle da hinwollen. Da bleibt eben nur früh aufstehen.

Denn die besagten Touristenhorden kamen uns entgegen, als wir wieder hinabstiegen. Um halb zehn war der ausgebaute Weg unten schon so voll, dass die Aussicht wieder einiges von ihrem Charme verlor. Wie es da oben mittags aussieht, will ich mir gar nicht vorstellen.

Wir düsten da allerdings schon weiter nach Nordosten, Richtung Quiraing

Und merkten wieder, was die Leute meinen, wenn sie Skye als überfüllt bezeichnen. Der Startpunkt zur Standardwanderung, des Quiraing-Circuits, lag oben auf der Kuppe eines Bergrückens, zu dem eine abenteuerliche Single-Track-Road führte. Trotzdem war es oben komplett überfüllt! Der winzige Parkplatz war so dermaßen voll, dass gefühlt ein halbes Dutzend Leute einfach auf dem Parkplatz in ihren Autos saßen, um schnell zuschlagen zu können, falls ein Platz irgendwo frei wurde. Wir schafften es noch um Haaresbreite, uns irgendwo schräg in den Matsch zu stellen, was Suzie bestimmt ein paar zukünftige graue Haare gekostet hat.

Um etwa halb elf am Morgen starteten wir dann also, bei ziemlich heftigem Wind, in die zweite Wanderung des Tages.

Und die hatte vor allem ein Manko: Sie zeigte uns ihr Highlight direkt am Anfang, worüber ich aus dramaturgischen Gründen nur die Nase rümpfen kann. Ansonsten war ich, genau wie Suzie, einfach nur baff – was, bitte, ist das für eine geile Landschaft?! Ich konnte jedenfalls gut nachvollziehen, warum die Leute Quiraing als Mondlandschaft bezeichnen. So viele Tafelberge und Felsen, die aussehen, wie schräg in die Landschaft geschnitten. Quirang ist definitiv ein Ort, den ein magisches Flair umgibt, eine Atmosphäre, die ich am besten mit dem englischen Wort „otherworldly“ beschreiben kann.

Hammer!

Der schmale Weg führte uns dann an einem Berghang entlang, sodass wir die Berge erst einmal hinter uns zurückließen. Teilweise mussten wir ein bisschen klettern, aber zu schwierig war es nicht – das zeigte die Tatsache, dass hier noch viele Familien mit kleinen Kindern zu sehen waren. Die drehten allerdings in den meisten Fällen bald um: Die beste Aussicht hatten sie gesehen und der Weg sollte noch deutlich schwerer und anstrengender werden, also warum nicht. Für uns hatte das den schönen Effekt, dass die Wanderung nach dem ersten Viertel längst nicht mehr so überfüllt war wie anfangs gedacht.

Der Weg führte jetzt nämlich in ein schmales Tal hinein. Zu unserer linken ragte die Steilwand eines hohen Tafelbergs empor, rechts von uns sahen wir weitere ziemlich zackige Felsen und dahinter das Meer. Auf einen dieser Felsen konnte man hinaufklettern, ein Mini-Aussichtspunkt, auf einer Wanderung, wo eigentlich jeder Schritt ein Aussichtspunkt war.

Im Tal wurde der Weg dann breiter, die Wanderer entzerrten sich so ein bisschen, dafür wurde es auch etwas matschiger. Nach ein paar Minuten führte der Weg dann wieder aus dem Tal hinaus und wir machten die ersten Höhenmeter. Dort entschieden sich dann die meisten Wanderer, noch einen Schlenker auf einen kleineren Tafelberg an der Küste mitzunehmen, wir dagegen stiegen gleich weiter nach links den Berg hinauf, an dessen Flanke wir vorhin entlang gewandert waren.

Jetzt ging es noch einmal ganz schön steil bergauf und unsere Oberschenkel brannten ganz ordentlich. Immerhin war es nach dem Old Man of Storr schon unsere zweite Wanderung an diesem Tage – und es war noch nicht einmal Mittag! Insgesamt haben wir an diesem Tag durchaus stattliche 650 Höhenmeter absolviert…

Der Wanderpfad führte uns jetzt über den höchsten Tafelberg weit und breit zurück zu dem Parkplatz mit unserem Van. Leider wurde er immer matschiger.

Von der Kuppe aus hatten wir wieder die traumhafte Aussicht auf die Berge von Quirang, die uns genau wie am Anfang wieder ins Staunen versetzte – insofern war die ganze Wanderung eine runde Sache.

Zum Ende wartete dann aber noch einmal ein – leider – negatives Highlight auf uns: ein steiler Hang, der so matschig und rutschig war, dass wir (Suzie meint: Du, Julian!) definitiv keine Chance hatten, trockenen Fußes (und Handes…) unten anzukommen. Beweisfotos haben wir nicht, wir sind ja nicht lebensmüde.

Aber, und das ist das wichtigste, es war trotzdem eine atemberaubende Wanderung, definitiv eines unserer Highlights in Schottland und fast schon auf Island-Niveau, was Landschaften angeht, bei denen man nicht fassen kann, dass sie wirklich auf unserer kleinen Erde existieren. Wenn wir das nächste Mal hören, dass Skye mit Touristen überlaufen ist, sagen wir daher: zurecht!

Zurück am Van fuhren wir dann die kleine Single-Track-Road nach unten und stoppten noch einmal an einem kleinen Parkplatz an der Straße, von dem aus wir die Aussicht noch einmal von unten genießen konnten. Bei strahlendem Sonnenschein genossen wir einen wohlverdienten, völlig entspannten Nachmittag und freuten uns darüber, was für ein unglaubliches Glück so eine Reise mit dem Van doch ist…

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