Reisen, Südengland

Get lost – eine Wanderung in Torquay

Es gibt Tage, da geht einfach alles schief. Und es gibt Leute, die versuchen, immer das Beste aus allem machen. Zwei solche Menschen begaben sich heute auf eine ungeplante Wanderung. Aber beginnen wir am Anfang – gestern Nacht.

 

00:00 Uhr – Ich beschließe, endlich ins Bett zu gehen, da die wöchentliche Wanderung am Samstag um 10:00 Uhr beginnt – und der Weg wird 13km lang sein

01:00 Uhr – eine Gruppe von Spaniern diskutiert ihre Lebensgeschichten vor meinem Fenster, ich verstehe jedes Wort (akustisch zumindest); aus verschiedenen Richtungen kommt Musik

01:30 Uhr – dank Ohrstöpseln ist endlich Ruhe

08:30 Uhr – zerknittert ist eine Übertreibung, ich stehe trotzdem auf

09:45 Uhr – auf geht’s zum Treffpunkt an der Uni

10:00 Uhr – am Treffpunkt ist keiner außer uns

10:05 Uhr – wir realisieren, dass die Abfahrt diese Woche um eine halbe Stunde vorverlegt wurde und wir damit den Bus verpasst haben

10:15 Uhr – wir kommen wieder im Wohnheim an – was jetzt? „Get lost“ ist das Motto. Nach kurzem Überlegen beschließen wir, den Zug in das 1h entfernte Torquay zu nehmen und dort wandern zu gehen. Schließlich hatten wir schon einen eingepackten Lunch in unserem Rucksack und die Wanderschuhe an.

10:40 Uhr – wir laufen erneut los – diesmal etwas kürzer zur nächsten Bahnstation; wir sind 20min zu früh da und warten am Gleis auf den Zug

10:58 Uhr – der Zug fährt ein und los Richtung Torquay – leider ohne uns, da wir am falschen Gleis standen und es nicht schnell genug über die Brücke geschafft haben

11:10 Uhr – wir sind zurück im Wohnheim und beschließen die Küche zu putzen, um wenigstens etwas geschafft zu haben

11:40 Uhr – wieder motiviert brechen wir zum dritten Mal auf, hinterlassen eine saubere Küche, warten am richigen Gleis und sitzten schließlich im Zug nach Torquay

 

Wer denkt, dass damit der schwerste Teil des Tages hinter uns lag, hat sich allerdings getäuscht. Aber eines nach dem anderen.

St James Park, Exeter

Im Zug nach Torquay setzte ein Herr neben uns, der etwas zerzaust wirkte und hektisch eine Geburtstagskarte beschrieb. Er erzählte uns, dass er zur Geburtstagsfeier seiner Mutter fuhr und vergessen hatte, eine Karte zu kaufen. Während der Fahrt erzählte uns unsere neue Bekanntschaft zahlreiche lustige und interessante Geschichten über britischen Bahnlinien, die Gegend um Torquay, die unterirdischen Kanäle in Exeter (und einen mysteriösen unterirdischen mittelalterlichen Wasserspeicher, der angeblich größer als die Kathedrale ist) und die Wohnsitze von Agatha Christie. Er erzählte von den Spuren der Kolonialzeit und von einer Stadt, die aus ehemaligen Londoner Gebäuden zusammengesetzt ist. Außerdem weiß ich jetzt, dass die Glocke in der Exeter Cathedral die zweitgrößte in ganz England ist (nach Big Ben) und dass die Leute, die die früher Boote auf den Kanälen in Exeter lenkten, „Navis“ genannt wurden und nach ihnen ein empfehlenswerter Pub am Fluss Exe benannt ist. Als wir nach Wanderungen um Torquay fragten, erhielten wir eine Empfehlung für „den schönsten Wanderweg“, inklusive einer Wegbeschreibung zur Bushaltestelle, von der aus wir zum Anfangspunkt in Babbacombe fahren konnten.

Beim Aussteigen lud uns der Herr sogar noch zur Geburtstagsfeier seiner Mutter ein, die am Nachmittag in einem spanischen Lokal in Torquay ausklingen sollte. Da sage noch einer, die Engländer seien unkommunikative Einzelgänger!

Ausgestattet mit einem Plan für den Tag kamen wir also in Torquay an und wanderten Richtung Hafen. Dabei sahen wir den sogenannten „Pavillion“, der erahnen lässt, warum die Gegend um Torquay gerne als Britische Riviera bezeichnet wird. Obwohl in der Stadt überall Palmen zu sehen sind, ließ das bedeckte Wetter leider keine Riviera-Stimmung aufkommen.

The Pavillion, Torquay

An der Bushaltestellte fragten wir ein älteres Ehepaar nach dem richtigen Bus. Die beiden wollten glücklicherweise zum selben Ort wir wir fahren und gaben uns sogar im Bus Bescheid, als wir aussteigen mussten.Startpunkt unserer etwa 8 km langen Wanderung (die vielen Sackgassen nicht mit eingerechnet) war das Küstendorf Babbacombe. Von dort folgten wir dem South West Coast Path in Richtung Torquay – dachten wir zumindest. Viel zu oft liefen wir in eine Richtung, um dann festzustellen, dass der Pfad gesperrt/überflutet/einfach zu Ende war. Unverdrossen liefen wir die Hügel wieder hoch/kletterten die Klippen zurück/stiegen die Treppen wieder hinauf/nahmen stattdessen einen Trampelpfad im Wald. Das Gefühl, wenn man (nach langem Zweifeln, ob man die Straße mit 30% Steigung umsonst nach oben gelaufen ist) das Symbol des Wanderweges (eine gelbe Eichel) an einem Baumstamm entdeckt, ist unbeschreiblich.

2Torquey - Seemöwe

Über Wiesen und durch Wälder, vorbei an Klippen, Stränden und Wasserfällen wanderten wir also die Küste entlang. Obwohl es nebelig und bewölkt war, blieb es von oben und unten trocken! Das Meer war ungewohnt wild und die an den Klippen zerschellenden Wellen spritzten meterhohe Wasserfontainen in die Luft. Der Weg führte vorbei an ikonischen Landmarken wie dem Long Quarry Point oder dem Thatcher’s Rock.

Cliffs, Torbay Cliffs, Torbay Long Quarry Point, Torbay Thatcher's Rock, Torbay

Etwa 2-3 Kilometer vom Bahnhof entfernt kamen wir auf die Idee, in der Bahn-App nach den Abfahrzeiten der Züge zu sehen. Stellte sich heraus, dass der nächste Zug in 20 Minuten fahren würde – und wir diesen erwischen mussten, um rechtzeitig in Exeter anzukommen.

 

15:55 Uhr – wir fangen an sehr, sehr, sehr zügig zu laufen

16:05 Uhr – wir sind endlich in Torquay angekommen, der Zug fährt um 16:18 Uhr und wir sind noch gefühlte Ewigkeiten vom Bahnhof entfernt

16:12 Uhr – ein Schild sagt uns, dass es bis zum Bahnhof 14 Minuten Fußweg sind – wir haben noch 6

16:14 Uhr – wir beginnen zu rennen

16:15 Uhr – ich kann nicht mehr und renne weiter

16:17 Uhr – wir sprinten die Treppe zum Bahnübergang hoch

16:18 Uhr – wir sitzen im Zug, völlig erschöpft und verschwitzt aber glücklich – am selben Tag einen Bus verpasst, dann einen Zug verpasst und schließlich einen Zug im letzten Moment erwischt – damit kann man zufrieden sein

 

Was habe ich gelernt?
– Manchmal ist es besser, vom vorgegebenen Pfad abzuweichen und sich einfach treiben zu lassen.
– Wenn etwas schief geht und dann vielleicht noch viel mehr schief geht, kann es trotzdem einer der besten Tage deines Aufenthaltes werden.
– Und zuletzt: Traue niemals einem Schild in England!

Torquay - Keep off the rocks

 

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