Gedanken, Irland, Weltreise

Gedanken: Wie ist es, anders zu leben?

Das hier wird der erste in einer Reihe etwas anderer Beiträge sein, die wir im nächsten Jahr verfassen werden. Genannt haben wir diese Reihe „Gedanken“. Warum? Na, weil es um unsere Gedanken beim Reisen geht. Normalerweise schreiben wir ja über Wanderungen, Städtetrips oder was wir sonst noch so erleben, aber manchmal passieren die wirklich spannenden Dinge in unserem Inneren. In dem Falle werden wir sie hier als „Gedanken“ veröffentlichen – ohne sonderlich tolle Fotos, Ordnung oder sonstigen Schnick-Schnack. Den Anfang machen ein paar Gedanken von Suzie über unterschiedliche Lebensentwürfe, die wir in Irland kennen lernen durften.

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Gerade sitze ich in einem Wohnwagen auf dem weiten Grundstück einer irischen Familie. Sicher keine normale irische Familie, sondern eine, die gerade selbst ihr Haus baut, in dem sie in Zukunft leben möchte, und bis dahin in einem mobilen Haus auf ihrem Grundstück wohnt. Zu viert bewohnen sie dort weniger Raum als Julian und ich in unserer Wohnung in Mannheim haben. Küche und Wohnzimmer liegen zusammen und sind noch relativ groß, dann gibt es ein kleines Bad, eine separate Dusche und ein Spielzimmer für die Kinder, das gleichzeitig als Kleiderschrank dient und etwa 2 Quadratmeter misst. Abgeschlossen wird das „Haus“ von einem Schlafzimmer, in dem Eltern und beide Kinder gemeinsam auf einem riesigen Bettenlager aus mehreren Matratzen schlafen. Türen gibt es im ganzen Haus nicht, auch nicht in der Dusche oder im Bad, dafür ist der Flur zu eng – nur ein Vorhang schützt vor fremden Blicken.

Neben den vier Zweibeinern leben hier auch eine Menge Tiere – gut, dass Julian Angst vor ungefähr allen Tieren hat… Eine Hündin, zwei Hühner, zwei Katzen und ein Meerschweinchen leben hier, dazu kommen ein Wespennest und sicher ein paar Ratten im Komposthaufen.

In unserem Wohnwagen sind wir nur für uns. Wir haben eine Sitzecke mit einem Esstisch und zwei Polsterbänken, einen kleinen Heizofen, einige Schränke, eine Küchenwand mit Spüle – es gibt nur kaltes Wasser hier oben – Kühlschrank und Gasherd. Eine winzige Duschkabine reiht sich direkt neben das Bett, aber benutzbar ist sie nicht. Wir duschen also immer unten bei der Familie.

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Achja, eine Toilette haben wir nicht im Wohnwagen. Stattdessen haben wir im kleinen überdachten Anbau aus Holz eine Kompost-Toilette. Das ist die moderne Öko-Version eines Plumpsklos, um es geradeheraus zu sagen. Eine Spülung gibt es nicht, es fällt einfach alles in eine tiefe Tonne, die unter dem Sitz steht und wird anschließend mit ein bisschen Sand überdeckt. Urin fließt durch ein separates Rohr – wohin weiß ich nicht und will es auch nicht wissen. Das mag unkonventionell und ein bisschen eklig klingen (und lasst euch gesagt sein, das ist es auch), aber an all das kann man sich schon irgendwie gewöhnen. Nerviger sind da schon die Mücken, Wespen und besonders die fliegenden Riesenspinnen, die einen beim Toilettengang heimsuchen. Während man von dort einen idyllischen Blick auf die Natur Connemaras hat, kann auf der anderen Seite alles, was da so kreucht und fleucht, auch unbehelligt den windigen Vorhang vor dem Klohäuschen passieren. Trotzdem haben wir uns mittlerweile schon fast daran gewöhnt…

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Nachdem ich jetzt einen Absatz nur über die Klo-Situation verfasst habe, möchte ich auf das eigentliche Thema dieses Beitrages zurückkommen: Wir sind hier zwar erst fünf Tage, aber wir haben schon viel gelernt, mitbekommen und erlebt, was wir bei einer „normalen“ Reise durch Irland wahrscheinlich nie getan hätten. Auf jeden Fall mehr als in der ersten Woche hier, in der wir mehr oder weniger ziellos durch das Land gereist sind.

Unsere Gastgeber können uns alle Fragen beantworten, die wir zum Land, der Kultur, der Wirtschaft usw. haben. Wir erleben live, wie sie das Unmögliche schaffen und zwei Kinder aufziehen, in einem besseren Wohnwagen leben und dabei ein zweistöckiges Steinhaus mit eigenen Händen bauen. Sie erzählen uns von ihren Reisen und ihren Werten und wir nehmen so viel mehr mit als wir durch die paar Stunden Mitarbeit jeden Tag zurückgeben können.
Beide haben sich bewusst für ein einfaches Leben auf dem Land entschieden. Sie schätzen den Frieden und die Ruhe hier und das Gefühl, eigenes Land zu besitzen und möglichst viel selbst zu machen. Sei es Gemüse zu pflanzen oder die Kinder aufzuziehen. Sie betonen immer wieder, dass wir so viel reisen sollen, wir wir können und es einfach tun sollen, ohne lange darüber nachzudenken. Dass ihre Reisen ihr Leben verändert haben. Und dass wir ein schönes Grundstück auf dem Land erwerben sollen, weil dieses Gefühl der Selbständigkeit und Einkehr mit nichts zu bezahlen sei.

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Und es ist wahr, man braucht herzlich wenig, um glücklich und zufrieden zu sein. Die Tage im Wohn wagen haben wir traumhaft geschlafen, obwohl unsere Matratze aus umfunktionierten Bankpolstern bestand und das Bett winzig war. Durch den kleinen Raum mit großem angrenzendem Grundstück verbringt man unglaublich viel Zeit an der frischen Luft und ist immer in Bewegung. Basics wie fließendes Wasser, Gas, Heizung und Internet hat man dennoch, ein gewisses Maß an Komfort ist also gegeben. Seit wir hier sind, träume ich tatsächlich von einer Wohnwagen-Reise oder einem Tinyhouse im Grünen. Mal sehen, ob eines Tages etwas daraus wird.

Julian meine letztlich, dass wir nach dieser Weltreise sicher noch nicht wissen, was wir mit unserem Leben anstellen wollen. Aber wir werden viele Wege kennengelernt haben, wie man sein Leben verbringen kann. Und wir werden wissen, warum wir letztendlich die Wahl treffen, die wir treffen werden. Vielleicht werden wir immer mehr von dem ablegen können, was unsere eigene Kultur uns glauben lässt und unsere Augen öffnen –  für andere Meinungen, andere Lebenswege und andere Wahrheiten.

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