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Unser erstes Mal… Hitchhiken

Was haben ein österreichisches Pärchen, ein bayrischer Aussiedler und zwei irische Omas gemeinsam? Alle haben uns auf unserer Reise netterweise mit dem Auto mitgenommen. Und trotzdem war das nur eine kleine Auswahl der netten Leute, die wir dadurch kennen gelernt haben – aber davon später mehr.

Über die Unzulänglichkeiten des irischen Zug- und Bus-Systems habe ich an anderer Stelle schon ausführlich geschimpft. Eine von den Iren praktizierte Alternative ist hitchhiken und trotz unserer (eher meiner) Befürchtungen haben wir es auch erfolgreich ausprobiert – zum ersten Mal in unserem Leben. Ausgangspunkt war ein Ausflug von Galway in den Connemara National Park; aus einer von Google Maps prognostizierten einstündigen Autofahrt wäre für uns eine zweieinhalbstündige, teure Busfahrt geworden – ohne jegliche Flexibilität, da der Bus genau zwei Mal am Tag fährt. Unser workaway-host Alison legte uns daher hitchhiken ans Herz, das laut ihrer Aussage nicht nur von Reisenden sondern auch den Iren selbst genutzt wird. Also probierten wir unser Glück.

Zunächst bezahlten wir jedoch eine Menge Lehrgeld. Obwohl tatsächlich fast alle Autofahrer irgendwelche Handzeichen in unsere Richtung machten, hielt niemand an. Das war erst einmal beruhigend (wir werden wahrgenommen!), andererseits aber auch frustrierend (niemand mag uns…schnüff :/). Im Nachhinein fanden wir zwei Dinge heraus:

  • Wir standen am Ortseingang, wo die Autos mit Tempo 80 angefahren kommen und keine Möglichkeit hatten, am Straßenrand anzuhalten. Besser ist es, am Ortsausgang zu warten: Die Autos sind dort langsamer und die, die ein Ziel im Ort haben und dich sowieso nicht mitnehmen sind schon ausgesiebt.
  • Wir standen zu einer Zeit da, zu der 80% der Leute ihre Kinder von der Schule abholen wollten und dementsprechend nur kurze Fahrten unternehmen.

Daraus resultierte unsere mit Abstand längste Wartezeit von knapp einer Stunde. Ansonsten haben wir nie länger als vielleicht zwanzig Minuten gewartet.

Die kalten Fakten sprechen weder klar für noch gegen hitchhiken. Die Reisezeit kann erheblich variieren, ist aber definitiv langsamer als mit dem eigenen Auto, kann jedoch auch deutlich schneller als die öffentlichen Verkehrsmittel sein. Für die Hinfahrt nach Connemara haben wir statt 50 Autominuten zweieinhalb Stunden gebraucht; auf der Rückfahrt waren wir allerdings schneller als der Bus! Gespart haben wir dadurch stolze 36 Euro… viel Geld für zwei Reisende wie uns.

In anderen Teilen Irlands blieb uns einfach keine andere Möglichkeit. An die Spitze der Beara-Halbinsel fährt weder ein Bus noch ein Zug; 15 Minuten Warte- und 10 Minuten Fahrtzeit haben uns eine Stunde Fußmarsch bei Regen und mit vollem Gepäck erspart – ein No-Brainer.

Aber, und das ist für uns der wichtigste Teil, das ist gar nicht das Schönste am hitchhiken. Bei gerade Mal einer Handvoll Gelegenheiten haben wir so unfassbar nette und faszinierende Menschen kennengelernt! Auf der Hinfahrt nach Connemara etwa einen urigen Bayern, der uns euphorisch mit „Landsleute“ begrüßt, uns erst die besten Wandertipps gibt und dann einfach mal eine halbe Stunde Umweg in Kauf nimmt, um uns bis zu unserem Ziel zu fahren. Auf dem Rückweg steigen wir dann zu zwei alten irischen Omis ins Auto, die uns stolz erzählen, dass ihr Sohn gerade auf Ahnenforschung in der Pfalz unterwegs ist. Oder eine irische Floristin, die gerade von einer Trauung kommt und mit der wir uns über Hochzeiten austauschen. Ich könnte die Liste noch erweitern…

Wichtig ist aber: Wir wurden immer nur von extrem netten Menschen mitgenommen und haben uns nicht eine Sekunde lang unwohl, bedroht oder seltsam gefühlt!

Das heißt nicht, das wir ab jetzt nur noch durch die Welt trampen werden. Für unseren zweiten Ausflug nach Connemara haben wir wieder den Bus genommen, weil er passend gefahren ist (dachten wir zumindest – aber das ist eine andere Geschichte…) und wir einen relativ straffen Zeitplan hatten. Insgesamt sind wir also einmal nach Connemara hin- und zurück, sowie zwei Mal zur Spitze der Beara-Halbinsel und einmal zurück getrampt. Dabei haben wir für uns ein paar Regeln aufgestellt, wie- und vor allem wann und wo wir wieder hitchhiken würden.

Wann/Wo?

  • Wenn die öffentlichen Verkehrsmittel versagen. In Deutschland würde ich wahrscheinlich nie hitchhiken, einfach weil ich mit dem Zug oder dem Bus easy überall hinkomme. In Neuseeland dagegen schon…
  • Wo wir uns mit den Fahrern verständigen können. Mich zumindest beruhigt es, wenn die Fahrer englisch oder deutsch sprechen und so erst gar keine Missverständnisse aufkommen können. Für alles andere sind wir noch nicht abgebrüht genug.
  • Niemals alleine. Egal ob Mann oder Frau, dafür bin ich viel zu ängstlich.
  • In Ländern, in denen hitchhiken Teil der Kultur ist. Wir haben schnell gemerkt, dass alle Leute unsere Mitfahrbitte registrieren und uns prinzipiell wohlwollend gegenüberstehen. Die meisten Leute haben irgendeine Art von Zeichen gegeben; das minimiert Ungewissheit und Frust, und lässt die Zeit schneller vergehen.
  • Nur, wenn ihr Zeit und Lust habt. Hitchhiken kann schnell oder langsam sein; wer mit der Ungewissheit nicht umgehen kann oder pünktlich am Flughafen sein muss, sollte lieber den Bus nehmen.

Und jetzt für die, die Zeit und Lust haben und überlegen, das auch mal auszuprobieren. Denkt bitte immer daran: Wir haben bisher genau sieben Mal erfolgreich ein Auto angehalten. Mehr als die absoluten Anfängertipps sind das also nicht.

Wie?

  • Freundlich aussehen und lächeln.
  • Sucht euch einen guten Platz, das ist das Allerwichtigste! Generell gilt, dass die Autos überhaupt die Möglichkeit haben müssen, vor euch anzuhalten. Das heißt, sie müssen euch frühzeitig sehen (keine kurvigen oder hügeligen Straßen), ein langsames Tempo und Platz zum Anhalten haben. Alternativ könnt ihr auch einfach Leute an Autobahnraststätten oder Parkplätzen ansprechen und fragen, ob sie euch mitnehmen wollen. Wir haben uns dabei aber immer ein bisschen unwohl gefühlt, da wir den Leuten so die Entscheidung aus der Hand nehmen, ob sie sich überhaupt mit uns einlassen wollen, und es deswegen meist gelassen.
  • Informieren, was das korrekte Zeichen (Daumen rausstrecken) ist. Fragt auch nach, was euch die Fahrer sagen wollen. In Irland sahen wir häufig: a) flache Hand zur Seite = Ich biege gleich ab. B) Zwei erhobene Hände = Auto ist voll. C) zum Boden deutender Zeigefinger = Ich bin kurz vor dem Ziel.
  • Plant ordentlich Zeit als Puffer ein. Für die Neurotiker unter uns: Wer möchte, kann sich gerne ein Zeitlimit setzen, bei dem er die ganze Sache abbricht. Aber das ist uns nie passiert. Ansonsten bleibt einfach entspannt – irgendwann hält schon einer an!

Viel Spaß bei euren Hitchhiking-Erfahrungen! Wer bessere Tipps als wir hat, kann sie uns gerne zukommen lassen, ich werde sie schnellstmöglich ergänzen.

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