Irland, Random, Reisen

Kurze Einführung in die irische Sportwelt

Schnell, aus dem Bauch heraus: Wer oder was ist Camogie?
a) Eine Hunderasse
b) eine Stadt in Italien oder
c) eine Sportart.

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Genau, c) ist richtig. Wer noch nie davon gehört hat, braucht sich aber nicht zu schämen – Camogie rangiert genau wie die anderen gälischen Sportarten außerhalb Irlands an der Grenze zwischen Randsportart und Nichtexistenz. An der europäischen Hurling-Liga nehmen genau 12 Teams teil – eines davon stellt interessanterweise die TU Darmstadt.

Die irisch/gälische Sportwelt ist faszinierend, aber für den Gelegenheitszuschauer nur schwer zu durchdringen. Ich werde daher versuchen, kurz das Allerwichtigste zu erläutern – mehr als das verstehe ich nämlich selbst nicht.

Anfangen können wir bei den etwas gewöhnlicheren Sportarten wie Fußball oder Rugby. Deren Regeln muss ich niemandem erklären, aber einen Hinweis voranstellen, wie die Iren Sport sehen: als Kampf mit ordentlich Körperkontakt. Das zieht sich durch eigentlich alle Sportarten; in Irlands Fußball-Nationalmannschaft sind Techniker selten und gelbe Karten häufig. Gerade Großereignisse dieser beiden Sportarten begeistern die Menschen. Live miterlebt habe ich das während der Rugby-WM 2015 und als Irland mit einem 1:0 Sieg gegen Deutschland die EM-Qualifikation im Fußball sichern konnte.

Andere Sportarten wie Basketball oder Handball sind kaum der Rede wert. In Maynooth habe ich mich auf dem Weg ins Fitnessstudio verlaufen und bin bei den Basketball-Tryouts für die Uni-Mannschaft gelandet; in der Nicht-Form meines Lebens habe ich unser Team bis ins irische Uni-Final-Four geführt. Ein Freund von mir spielte während seines Erasmus-Semesters nebenbei in der irischen 1. Basketball-Liga, was das Niveau ganz gut zusammenfasst. Insgesamt also zu vernachlässigen…

Deutlich interessanter sind dagegen die gälischen Sportarten Gaelic Football, Hurling und eben Camogie, die bis auf wenige Ausnahmen nur in Irland und in irischen Communities auf der Welt gespielt werden. Hurling und Gaelic Football durfte ich bei einigen Abenden im Pub kennen lernen und will daher kurz die Basics erklären. Organisiert werden diese von der GAA (Gaelic Athletic Association) und weisen einige Gemeinsamkeiten auf: Alle sind sehr schnelle, körperbetonte und athletisch herausfordernde Sportarten, mischen meistens bekannte Regeln anderer Sportarten miteinander und sind im allgemeinen wahnsinnig kompliziert. Profis gibt es übrigens nicht, was das Ganze zu einem Jedermanns-Sport macht.

Fangen wir mit dem Gaelic Football an.

Gaelic Football

Gespielt wird in 15er-Teams mit einer Art Leder-Fußball auf einem Rasenplatz mit zwei Toren, über denen zwei Stangen wie beim American Football oder Rugby befestigt sind. Ziel des Spiels ist es, Tore und Punkte zu erzielen; ein Tor, wenn der Ball in das Fußball-Tor geschossen wird, zählt 3 Punkte; schießt ein Spieler der Ball zwischen den Rugby-Stangen hindurch, zählt das einen Punkt. Ein Spieler darf nicht länger als vier Sekunden mit dem Ball in der Hand laufen, dann muss er den Ball (wie beim Basketball) auf den Boden oder seinen Fuß dribbeln; werfen dürfen die Spieler den Ball nicht, aber per Handschlag (wie beim Volleyball-Baggern, allerdings nur mit einer Hand) an einen Mitspieler weiterpassen. Körperkontakt ist erlaubt und häufig.

Das klingt erst einmal ziemlich wild – und ist es auch. Gefühlt ist Gaelic Football einfach eine Mischung aus allen bekannten Sportarten, was es für Anfänger ziemlich cool und einfach zu verstehen macht. Dazu geht es zwischen den Spielen ziemlich schnell rauf und runter.

Hurling hat einige ähnliche Prinzipien, wird aber mit einem Schläger (dem Hurley) gespielt.

Hurling

Der Legende nach soll schon der sagenumwobene irische Held Cú Chulainn mit einem Hurling-Schläger in die Schlacht gezogen sein. Das Spielfeld mit den Toren und Stangen sowie die 15er-Mannschaften bleiben die gleichen; mit den Schlägern können die Spieler den Ball jedoch bis zu 80 Meter weit schlagen, wodurch die Angreifer praktisch vom ganzen Feld aus gefährlich sind. Das macht das Spiel nochmal schneller und anstrengender, aber auch komplizierter. Wie auch beim Gaelic Football dürfen die Spieler vier Sekunden lang den Ball in der Hand halten oder ihn auf dem Schläger balancieren. Auch hierbei sind Tacklings am Ballführenden erlaubt. Das eingangs erwähnte Camogie ist übrigens nichts anderes als die Bezeichnung für Frauen-Hurling.

Und zum Abschluss noch ein wichtiger Hinweis. Selbst wenn ihr von den Regeln nur eine ungefähre Ahnung habt, könnt ihr trotzdem mitfiebern – wenn ihr wisst, wie es steht und ob euer Lieblingsteam gerade führt. Das ist bei der irischen Zählweise nicht so einfach. Im Hurling etwa gibt ein Tor (wie im Fußball) 3 Punkte, ein Schlag durch die Rugby-Stangen 1 Punkt. Auf der Anzeigentafel steht dann so etwas wie 2-11; also 2 Tore (Wert: 3 Punkte) und 11 Punkte. Man muss dann im Kopf zusammenrechnen. Galway gewann das All-Ireland-Finale dieses Jahr gegen Waterford mit 0-26 zu 2-17, ergo 26 zu 23. Ein einziges Tor hätte Waterford also noch zum Ausgleich gereicht.

Lasst euch von solchen Kompliziertheiten aber bitte nicht abschrecken und nutzt die Möglichkeit, GAA-Spiele live beim Public Viewing oder im Pub anzuschauen. Die Stimmung bei den Iren ist nach meinen Erfahrungen eigentlich immer gut, wenn auch etwas anders als wir es in Deutschland vom Fußball gewöhnt sind. Fangesänge o.Ä. gibt es während des Spiels selten, in den entscheidenden Phasen tobt dafür die Menge. Suzan und ich (und 5000 anderer Zuschauer) waren auf dem Eyre-Platz in Galway live dabei als Galway zum ersten Mal seit 1988 den All-Ireland-Hurling Titel geholt hat.

HurlingFinale-1

Die Stimmung war bombastisch und das Public Viewing im Allgemeinen ein sehr irisches Erlebnis. Es war schön zu sehen, dass wirklich alle Gesellschafts- und Altersschichten an solchen Events teilnehmen – Frauen und Männer, Kinder und Alte.

Aussterben werden die gälischen Sportarten also nicht und das finde ich wirklich gut. Irgendwie ist es cool, dass in einer Welt, in der alle nur noch Fußball spielen, ein Land einfach mal seine ganz eigenen Sporttraditionen bewahrt. Und wer möchte kann gerne daran teilhaben: Das Hurling-Finale lief live auf Sky…

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