Asien, Random, Reisen, Thailand, Weltreise

Keine Zeit für Eile – eine Woche im Waldkloster

„Ich gehe für eine Woche in ein buddhistisches Waldkloster um zu meditieren“. – „Oha, krass!?“

So oder so ähnlich sahen die meisten Gespräche vor meiner Woche im Wat Pa Tam Wua aus. Während ich mich seit über zwei Jahren mit Meditation beschäftige und ungefähr weiß, was mich erwartet, können viele Menschen sich kaum etwas darunter vorstellen. Und nicht nur um die Meditation, sondern auch um den Buddhismus ranken sich diverse Vorstellungen, die oft nicht der Wahrheit entsprechen. In diesem Artikel möchte ich ein bisschen Licht ins Dunkel bringen.

Wat Pa Tam-5

Was ist eigentlich Meditation?

Es gibt viele Arten der Meditation, daher kann man das nicht pauschal beantworten. Meditation ist nicht in einer bestimmten Religion oder Kultur verankert. So gibt es zum Beispiel die christliche Kontemplation, die buddhistische Zen-Meditation oder die säkular praktizierte Achtsamkeitsmeditation. Auch die Ziele der Meditation können sich unterscheiden.

Heute kann man kaum eine Zeitschrift aufschlagen, ohne auf das Wort Achtsamkeit zu stoßen. Wer achtsam ist, soll weniger Stress haben, glücklicher und auch leistungsfähiger sein, versprechen Gurus ebenso wie Wissenschaftler. In der Achtsamkeitsmeditation geht es kurz gesagt darum, im Augenblick zu leben. Ein Mönch im Kloster beschrieb es sehr passend: „Die meisten Menschen merken gar nicht mehr, wenn sie gehen. Merken nicht, dass sie gerade atmen. Wenn sie essen, dann essen sie nicht ihre Pizza, sondern ihre Vergangenheit und ihre Zukunft.“

Wir alle machen das. Wie oft sind wir in Gedanken versunken und kriegen nicht mit, was um uns herum geschieht? Langeweile mögen wir nicht und suchen Wege, um uns abzulenken. Die digitale Welt macht es uns aber auch viel zu einfach. Wir leben in einer Kultur, in der es darum geht, möglichst viel in kurzer Zeit zu erreichen und immer schön „busy“ zu sein. Müßiggang ist für viele ein Fremdwort und wir verlieren uns in Grübeleien über die Vergangenheit und Plänen für die Zukunft. Und seien wir ehrlich, oft ist das auch deutlich spannender als das, was wir in dem Moment tun – lernen, arbeiten, abwaschen, Bus fahren… Die Liste geht unendlich weiter.

Achtsamkeit verspricht nun, uns wieder in das hier und jetzt zurückzuholen. Das ist gar nicht so einfach, sind wir es doch gewohnt, genau das zu vermeiden. Ehrlich gesagt, ist es sogar ziemlich harte Arbeit – anders, als es die vielen Achtsamkeits-Malbücher suggerieren würden. Aber es lohnt sich. Und ja, wenn man dabei bleibt sieht die Welt viel bunter aus.

Zum Einstieg wird beim Meditieren oft einfach die Konzentration geübt. Die geläufigste Technik ist, sich auf seinen Atem zu konzentrieren. Das ist leichter gesagt als getan, denn schnell funkt der so genannte „monkey mind“ dazwischen. Wir denken an etwas und merken erst gar nicht, dass wir denken. Der eine Gedanke führt zum nächsten und zum nächsten… Ihr kennt das. Und auf einmal merkt man, dass man ja auch noch atmet – und zack, ist man zurück im Moment. Das Ziel der Meditation ist übrigens NICHT, nicht zu denken! Das ist eine häufige Fehlannahme. Es geht vielmehr darum, alles wahrzunehmen. Also auch wahrzunehmen, dass man denkt! Immer wenn man merkt, dass man gerade denkt, lenkt man die Aufmerksamkeit zurück zum Atem. Und das macht man 10 Mal, 100 Mal, 10000000000 Mal, bis die Abstände dazwischen immer geringer werden. Aber kein Stress, wir wollen nichts erreichen.

Das Tolle ist, dass diese Meditationstechnik (im Buddhismus Samatha genannt) den Geist beruhigt und einfach gelassener macht. Genau das, was eigentlich unsere ganze, überreizte Zivilisation einmal brauchen würde. In mehrfacher Dosis bitte.

Wie bereits erwähnt, gibt es noch viele andere Arten, zu meditieren. Im Wat Pa Tam Wua Forest Monastery lag der Fokus neben Samatha-Meditation auf der sogenannten Vipassana-Meditation. Übersetzt heißt Vipassana „Einsicht“. Ziel ist die Erkenntnis über den eigenen Geist. Das ist leichter gesagt als getan und die vielen Stadien der Vipassana-Meditation hier zu beschreiben, wäre weder interessant noch sinnvoll. Nur so viel sei gesagt: Es geht darum, seinen Geist und die Welt ähnlich wie ein Wissenschaftler einfach nur zu beobachten und so zu verstehen, wie unser Gehirn eigentlich funktioniert.

Buddhist teachings are not a religion, they are a science of mind.
THE DALAI LAMA

Obwohl Buddhismus häufig als Religion missverstanden wird, ist die Buddhistische Meditation eigentlich genau das Gegenteil. Alles, was sie verlangt, ist, dass man seinen eigenen Geist ansieht. Als Psychologin war ich überrascht über die ausgefeilte buddhistische Psychologie, die – so scheint es – den Erkenntnissen des Westens lange voraus ist. Schließlich hat der Buddha schon um 500 v. Chr. verstanden, wofür wir heute ausgefeilte Experimente und Gehirnscanner brauchen…

Wat Pa Tam-2

Was ist das Wat Pa Tam Wua?

Mit einiger Meditationserfahrung und einer gehörigen Portion Neugier im Gepäck machte ich mich also auf den Weg in ein Waldkloster, etwa eineinhalb Stunden hinter Pai im Norden Thailands. Dort wollte ich nicht nur meine Meditationspraxis verfeinern (unter anderem, indem ich fünf Tage kein Wort sprach), sondern auch etwas tiefer in die thailändische Kultur eintauchen. Der Buddhismus mit seinen Klöstern und Mönchen ist schließlich fester Bestandteil davon.

Angekommen im Kloster war ich erst einmal verzaubert: Die Natur ist einfach atemberaubend schön. Versteckt zwischen zwei steilen Bergen, umgeben von Wald und Reisfeldern, erstreckt sich das Kloster über ein riesiges Areal. Um die zentrale Meditations- und Essenshalle herum befinden sind zahlreiche Wohnhütten und ein Fluss mit kleinen Wasserfällen trennt den Bereich der Besucher vom Bereich der Mönche – über die Hälfte des Klostergeländes ist für die Besucher gedacht. Das ganze Gelände und die Gebäude sind wunderbar gepflegt und für thailändische Verhältnisse sehr modern, überall arbeiten Gärtner und Handwerker. In über vierzig Einzelhütten und mehreren großen Schlafsälen ist dort jeder willkommen, der Meditation praktizieren möchte. Wie in vielen Vipassana-Stätten ist der Besuch (also die Übernachtung und zwei warme Mahlzeiten am Tag) dort kostenlos, man hat allerdings die Möglichkeit, für das Kloster zu spenden. Mit den Spenden sorgen die Besucher dafür, dass auch in Zukunft Gäste kommen können.

Wat Pa Tam-4

Während der Woche, die ich dort verbracht habe, schwankte die Zahl der Gäste zwischen vierzig und siebzig Personen. Weit mehr, als ich erwartet hätte! Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen: Manche haben einfach von einer kostenlosen Unterkunft in der Natur gehört, andere möchten Meditation ausprobieren oder nach einer schwierigen Lebensphase etwas Ruhe finden. Viele haben noch nie zuvor meditiert und sind einfach neugierig oder erhoffen sich mehr Klarheit nach dem Besuch des Klosters. Der Großteil der Gäste stammte aus westlichen Ländern, auch einige Deutsche waren dort; besonders über das Wochenende kamen jedoch auch viele Thailänder, teilweise sogar mit der ganzen Familie.

Der Tagesablauf im Kloster ist allerdings nicht für Menschen geeignet, die nach klassischer Entspannung suchen: Um 5:00 Uhr morgens beginnt der Tag mit Meditation in der eigenen Hütte. Um 6:30 Uhr startet der gemeinsame Tag damit, den Mönchen Reis zu schenken. Jeder bekommt ein Schüsselchen mit Reis und gibt jedem der zuletzt sechs Mönche einen Löffel in seine Bettelschale, danach gibt es Frühstück für alle. Um 8:00 Uhr beginnt die erste Meditationsrunde.

In zwei Stunden wird zuerst im Sitzen, dann im Gehen und zuletzt im Liegen meditiert (oder der Nachtschlaf aufgeholt). Vor den Gruppenmeditationen geben die Mönche Anleitung zur Meditation, das kann je nach Englischkenntnis des Mönches sehr hilfreich oder auch kryptisch sein. Zur Begleitung des Aufenthaltes erhält jeder Gast ein kostenloses Buch (auf Englisch oder Deutsch), welches die hier praktizierten Lehren genau beschreibt und als gute Meditationsanleitung dient. Um 10:30 Uhr wird das Mittagessen in einer formellen Zeremonie an die Mönche gegeben, im Anschluss essen alle gemeinsam. Um 13:00 Uhr beginnt eine zweite Meditationsrunde im Sitzen, Gehen und Liegen. Um 16:00 Uhr arbeiten alle gemeinsam an der Erhaltung des Klosters, sei es durch Reinigen der gemeinsam genutzten Bereiche, seiner eigenen Hütte oder durch Fegen des Laubes.

Wat Pa Tam-1

Auch die Arbeit ist hier eine Form der Meditation, die achtsam ausgeführt wird. Danach hat man Freizeit bis 18:00 Uhr, bis das abendliche Chanting beginnt. Dabei werden gemeinsam mit den Mönchen Texte auf Pali, Thailändisch und Englisch (je eine Zeile auf drei Sprachen hintereinander) gesungen. Diese Tradition mag zunächst etwas befremdlich erscheinen, ist aber fester Bestandteil des Klosteralltags. Das Chanting ist nicht in den buddhistischen Lehren verankert, sondern vielmehr in der thailändischen Kultur. Die anwesenden Thais kannten die meisten Texte auswendig. Um 20:00 Uhr endet die abendliche Sitzmeditation und bis zur Nachtruhe um 22:00 Uhr meditiert wieder jeder in seiner eigenen Hütte.

Dieser Tagesablauf mag zunächst anstrengend klingen und für Meditationsanfänger und weniger gelenkige Menschen ist das lange Sitzen und meditieren sicher auch keine Freude. Hatte ich erwähnt, dass die Betten aus einer dünnen Matte auf einer Holzbank bestehen? Aber man gewöhnt sich schnell daran und für mich war die Woche erholsamer als jeder Strandurlaub. Ich bin mit der Sonne aufgewacht und zum Singen der Zikaden eingeschlafen; um mich herum war nichts als Natur, Ruhe und Frieden.

Generell ist das Kloster nicht sehr streng, man kann in seiner Freizeit lesen, sich mit anderen austauschen (Schweigen ist optional und wird mit einem Anstecker gekennzeichnet) oder durch die schöne Natur spazieren. Man ist nicht auf sich alleine gestellt, sondern in eine Gruppe aus Gleichgesinnten integriert. Alle sind gemeinsam für das Funktionieren des Zusammenlebens verantwortlich und kleinere Aufgaben wie Geschirr waschen und wegräumen oder Wasser auffüllen erledigt jeder selbst.

Für alle, die nach (Nord-)Thailand kommen und Lust auf eine meditative Auszeit in der Natur haben, kann ich Wat Pa Tam Wua nur wärmstens empfehlen. Man muss sich nicht anmelden und kann 365 Tage im Jahr einfach anreisen und so lange bleiben, wie man möchte. Mindestaufenthalt sind zwei Nächte. Empfehlen würde ich mindestens vier Nächte, um sich gut einzuleben und an den Ablauf zu gewöhnen, ein bis zwei Wochen sind je nach vorheriger Meditationserfahrung wahrscheinlich optimal. Nähere Infos zum Kloster findet ihr auf der Website des Klosters.

Wahrscheinlich kommen allerdings die wenigsten unserer Leser demnächst nach Thailand oder wünschen sich einen Aufenthalt im Kloster…

Wat Pa Tam-6

Wie kann man dennoch Meditation ausprobieren?

Keine Sorge, für Neugierige gibt es noch andere Möglichkeiten, in die Meditation reinzuschnuppern. Ein mehrtägiges, wenig angeleitetes Schweige-Retreat im Kloster ist da sicher nicht die erste Wahl.

Zum Glück ist die Meditation der Allgemeinheit sehr leicht zugänglich. Es gibt zahlreiche Bücher (z.B. Gesund durch Meditation von Jon Kabat-Zinn), tolle CDs mit geführten Meditationen (z.B. Meditation für Anfänger von Jack Kornfield) und auch vielfältige digitale Angebote: So gibt es kostenlose Apps (z.B. HeadspaceSmiling Mind; beide auf Englisch oder 7mind; auf Deutsch) oder Podcasts mit informativen Vorträgen oder geführten Meditationen (z.B. von Tara Brach; auf Englisch).

All diese Angebote bringen einem die Meditation näher und schon 10-20 Minuten Meditation am Tag können sehr wirksam sein.

Aber nichts geht darüber, Achtsamkeit „live“ zu lernen.

Allen Menschen, vor allem jenen, die stark gestresst sind (z.B. durch ein forderndes Studium oder den Job, eine persönliche Krise – sei es eine Trennung, die Midlife Crisis oder Tod oder Krankheit eines Angehörigen) kann ich einen geführten Kurs nur wärmstens ans Herz legen.

Sehr leicht zugänglich in Deutschland und bestens wissenschaftlich untersucht sind die säkularen MBSR-Kurse (Mindfulness-Based Stress Reduction/Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion). Dabei handelt es sich um einen achtwöchigen Kurs, der einmal pro Woche in einer kleinen Gruppe stattfindet. Man lernt Schritt für Schritt verschiedene Techniken zur Stressreduktion (z.B. Body Scan, sehr sanftes Yoga, Sitz- und Gehmeditation) und bespricht den Fortschritt in der Gruppe.

Die Kurse bei zertifizierten Lehrern und Lehrerinnen werden von den meisten Krankenkassen bezuschusst (einfach mal bei der Kasse anfragen oder über die Website suchen). Vor der Anmeldung führt man ein kostenloses, persönliches Vorgespräch mit dem Lehrer oder der Lehrerin, in dem man erfährt, ob der Kurs für einen geeignet ist. In den Kursen tummeln sich oft Menschen aus allen Alters- und Gesellschaftsbereichen.

Jeder, wirklich jeder der Teilnehmer und Teilnehmerinnen in meinem Kurs hat trotz anfänglicher Zweifel („Meditieren/still sitzen/nur atmen ist nichts für mich/ich kann das nicht“) beeindruckende Resultate gesehen und würde das Programm uneingeschränkt weiterempfehlen!

Also: Wenn sich dir irgendwie die Chance bietet, so einen Kurs zu besuchen, mach es! Selbst wenn du (wie ich) ein schon sehr entspannter Mensch bist, lernst du wahnsinnig viel über dich und andere Menschen. Du wirst es nicht bereuen und das Geld ist besser investiert als in jeden Urlaub. In sehr vielen Städten gibt es inzwischen auch Meditationszentren oder kleinere Meditationsgruppen mit Sitzungen, an denen man gegen eine Spende teilnehmen kann. Einfach mal recherchieren und ausprobieren – auch als Anfänger!

Ihr seht, mein Fazit zu der Woche im Kloster und zur Meditation im Allgemeinen fällt unglaublich positiv aus. Meditation ist eine Technik, die über tausend Jahre alt ist und sich auch so lange schon bewährt hat. Sie hat das Potential, unseren überreizten Alltag ein bisschen auszubalancieren und uns gelassener und glücklicher zu machen. Und das wollen wir doch alle, oder?

 

2 Comments

  1. Avatar

    Heidi

    29. Oktober 2017 at 13:51

    Vielleicht schaffe ich es, meinen inneren Schweinehund mal wieder auszutricksen und irgendwann einen MBSR.-Kurs zu besuchen. Von Meditation bin ich selbst schon seit Jahren überzeugt, auch wenn ich es fast genauso lange nicht mehr praktiziere. Dein Beitrag ist ein Anreiz. Der Filmbeitrag ist übrigens fantastisch! Der ist alleine schon eine Meditation!
    Herzliche Grüße!

    1. Suzan

      Suzan

      30. Oktober 2017 at 8:15

      Wie schön, dass ich dich inspirieren konnte! Der Kurs macht total Spaß und man lernt tolle Menschen kennen 🙂 Ich kann es nur empfehlen! Liebe Grüße zu dir!

Leave a Reply