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It’s Tea Time!

Tee plätschert in zehn winzige Tassen, kaum größer als ein Fingerhut. Es ist dunkel draußen, aber der kunstvoll verzierte Holztisch ist gut erleuchtet. Massive Blöcke, in denen chinesische Schriftzeichen eingraviert sind, stehen auf dem Tisch. Im Dämmerlicht sehen sie aus wie magische Runen. Das Teearoma breitet sich langsam in dem kleinen Unterstand aus und vier Augenpaare richten sich gespannt auf die Untersetzer, Tassen und Kännchen, die vor uns ausgebreitet sind. Dann nimmt unsere Gastgeberin, eine junge Chinesin, den Tee und schüttet ihn auf den Tisch, einfach so. Sie lächelt dabei und schenkt ungerührt eine neue Runde aus. Willkommen in der chinesischen Kultur, für uns ein nie versiegender Quell der Faszination und Überraschung. Die Teezeremonie kann beginnen…

Ja, wir haben in den Cameron Highlands an einer chinesischen Teezeremonie teilgenommen. Gemeinsam mit einem älteren amerikanischen Ehepaar bekamen wir für eine Stunde einen Einblick in die chinesische Teekultur und waren absolut begeistert. Daher wollen wir euch in diesem Artikel auf eine kleine Reise in die asiatische Teekultur mitnehmen.

Das Setup der Zeremonie ist schnell erklärt. Unsere Gastgeberin sitzt uns gegenüber, wir vier Gäste auf Hockern auf der anderen Seite des Tisches. Auf dem Tisch liegt ein massives Holztablett, auf dem der Tee ausgeschenkt wird. Darauf sind vier Kännchen, zehn winzige Tassen und einige Filter platziert. Das Geschirr ist kunstvoll verziert: Eine der Kannen hat eine schwer beschreibbare lila-braune Farbe, eine andere ist mit klassischen chinesischen Porzellanmalereien verziert. Nebendarsteller sind ein Wasserkocher und ein paar Päckchen mit eingeschweißtem Tee.

Als es endlich losgeht und unsere Gastgeberin den ersten Teeaufguss einfach aus der Kanne direkt wieder über das Tablett kippt, sind wir gelinde gesagt überrascht. Dafür gibt es jedoch einen einfachen Grund. Getrunken wird zunächst Oolong-Tee, welcher in kleinen getrockneten Knospen gelagert wird.

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Der erste Aufguss ist schmeckt noch nicht so gut, da die Knospen erst im heißen Wasser aufgehen müssen. Und dann wäre da ja noch der immer präsente chinesische Aberglaube: Wasser symbolisiert in China nämlich Geld oder Reichtum. Und wie will man seinen Reichtum haben? Im Überfluss natürlich. Deshalb lässt unsere Gastgeberin bei jedem einzelnen Aufguss die kleine Teekanne überlaufen, damit ein bisschen Wasser durch den Abfluss des Tabletts läuft. Verrückt… Aber die Chinesischen sind generell ein abergläubiges Völkchen.

Nebenbei erzählt sie uns die Geschichte der Tees in fast perfektem Englisch, aber doch auf eine ganz eigene Art und Weise. Die Geschichten sind selten aufregend oder originell, ziehen uns aber trotzdem in ihren Bann. Und sie klingen eben einfach noch besser während man den passenden Tee dazu schlürft. Der Legende nach soll sich ein tollpatschiger Mann namens Oolong auf die Suche nach dem besten grünen Tee des Landes gemacht haben. Er hatte zwar schlussendlich Erfolg, schlief dann jedoch ein und vergaß die frisch gepflückten Teeblätter in seiner Tasche. Als er wieder aufwachte, waren die Blätter bereits leicht oxidiert. Er probierte natürlich trotzdem etwas davon und war von dem sanften Nachgeschmack des Tees begeistert. Oolong-Tee ist also nichts weiter als leicht (30%) fermentierter Tee…

Unsere Gastgeberin bereitet währenddessen den zweiten Aufguss vor. Üblicherweise werden fünf Aufgüsse pro Tee serviert, bei besonders guten Sorten können es aber auch schon mal acht oder zehn werden. Dabei verändert sich der Geschmack bei jedem Mal: Der zweite Aufguss ist stets der stärkste, weil die Blüten dann ihr volles Aroma entfalten, weniger stark sind der erste und der dritte Aufguss und schließlich folgen Nummer vier und fünf, bei denen die Intensität immer weiter abnimmt.

Auch der nächste Schritt überrascht uns: Unsere Gastgeberin gießt heißes Wasser in ein mit Teeblättern gefülltes Tonkännchen, füllt den Tee danach jedoch sofort in ein zweites Glaskännchen um.

„Wie lange muss der Tee denn ziehen?“, fragten wir erstaunt.

„Eine Sekunde“, meinte sie lächelnd. „Damit die Tannine und das Koffein nicht in den Tee einziehen können, sie gelten als ungesund.“

Ok, denken wir, also das läuft in Europa schon mal anders.

Die beiden Kannen haben jeweils spezielle Funktionen. Die Tonkanne, ein sogenannter „Purple Clay Pot“, soll den Geschmack des Tees optimieren. Bei der zweiten Kanne handelt es sich um den sogenannten „Fair Pot“: Um zu verhindern, dass der Tee während des Einschenkens weiter zieht und der Letzte in der Reihe zu starken Tee erhält, wird einfach sofort umgefüllt, damit alle das gleiche Aroma genießen können. Aus dem Fair Pot wird der Tee dann in eine kleine, hohe Tasse gegossen. Darauf stülpt man die flachere, breite Tasse und dreht das Ganze um, sodass der Tee in der kleineren Tasse zurückbleibt. Die hohe Tasse ist die sogenannte „Smelling Cup“, nur dazu gedacht, das Aroma des Tees beschnuppern zu können. Sie wird beim ersten und zweiten Aufguss benutzt, danach wird der Tee direkt aus der Kanne in die flache Tasse gegossen. Wenn ihr jetzt denkt, dass das alles wahnsinnig kompliziert ist, habt ihr übrigens vollkommen Recht – aber so ist chinesische Kultur eigentlich immer, nach allem, was wir bisher so kennengelernt haben.

Jetzt endlich nimmt unsere Gastgeberin den ersten Schluck Tee, um getreu der klassischen Gepflogenheiten festzustellen, dass der Tee nicht vergiftet war. Danach dürfen wir endlich trinken und stellen fest, von Gift war keine Spur. Es schmeckt himmlisch! Der Oolong-Tee ist sehr mild – kein Wunder bei einer Sekunde Ziehzeit – aber trotzdem unglaublich geschmackvoll. Und tatsächlich verändert er seinen Geschmack bei jedem neuen Aufguss – ein augenöffnendes kulinarisches Erlebnis. Getrunken wird in einer speziellen Weise: Daumen und Zeigefinder der rechten Hand halten die Tasse, Zeige- und Mittelfinger der linken Hand stützen diese. Obligatorisch sind dabei übrigens zwei bis drei kleinere Schlucke pro Mini-Tasse– chinesische Tassen sind keine Shots, egal wie klein sie auch sein mögen….

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Während wir trinken erzählt unsere Gastgeberin von immer neuen Geschichten und Gepflogenheiten rund ums Teetrinken. Zum Beispiel, wann solche Teezeremonien überhaupt abgehalten werden. Eine Möglichkeit sind Geschäftsessen, in denen der Chef seine Mitarbeiter zusammentrommelt, um sie mit unangenehmer Kritik zu konfrontieren (natürlich niemals offen ausgesprochen, wir sind hier schließlich in China…). Das ist für die Arbeiter natürlich einerseits ärgerlich, aber immerhin ist die Einladung zu einer Teezeremonie beim Chef besser als die Alternative, nämlich sofort gefeuert zu werden. Spannend bleibt für die Arbeiter aber das Setup der Teezeremonie, beziehungsweise die Größe der Tassen. Je kleiner die Tasse, in der der Tee ausgeschenkt wird, desto höher ist nämlich dessen Qualität. Und je höher die Qualität, desto mehr Aufgüsse kann man ausschenken. Kleine Tassen bedeuten in diesem Kontext also viel Ärger… Und wieder einmal erweist sich chinesische Kultur als wahnsinnig komplex, zumindest verglichen mit dem guten alten Anschreien auf dem Flur, das manchmal in deutschen Firmen praktiziert wird.

Eine andere Gelegenheit für klassische Teezeremonien sind Hochzeiten. Hierbei steht das Erweisen von Respekt gegenüber Älteren im Vordergrund: Das Hochzeitspaar schenkt den Eltern, Großeltern, Tanten und Onkeln ein, die jüngeren Verwandten dem Hochzeitspaar. Wichtig ist dabei die korrekte Anrede: Im chinesischen gibt es zum Beispiel verschiedene Wörter für Tante, je nachdem ob diese Tante die jüngere oder ältere Schwester der Mutter ist. Wie gesagt, kompliziert…

In der Zwischenzeit wird es draußen immer dunkler und wir wechseln den Tee. Die neue Sorte, Palas Supreme aus den Cameron Highlands, ist ein schwarzer Tee, der seinen Namen jedoch eigentlich nicht verdient hat. In unseren braunen Tassen leuchtet er satt golden, in einer fast schon überirdisch warmen Farbe. Einen so schönen Tee habe ich noch nie gesehen. Tee trinken wird hier neben dem geschmacklichen und geruchlichen auch zum visuellen Genuss…

Der Geschmack des Tees ist übrigens leicht bitter im Abgang – dank geradezu verschwenderischen fünf Sekunden Ziehzeit – was mich begeistert, Suzan dagegen präferiert eindeutig den Oolong.

Unsere Gastgeberin erzählt unterdessen eine weitere Geschichte, dieses Mal über die korrekte Art, sich zu bedanken, wenn eine andere, meist höherrangige Person einem Tee einschenkt. Dazu bedarf es einer kleinen Geste: Man knickt Zeige- und Mittelfinger ab, drückt dann die Fingerknöchel auf den Tisch und „nickt“ dann zwei Mal mit diesen. Ursprung dieser Geste ist laut der Legende ein alter chinesischer König, der wissen wollte, wie es um sein Reich bestellt war. Er ging also, verkleidet als Bauer, durch die Dörfer und kaufte Dinge des alltäglichen Lebens von seinen Untertanen. In einer Schenke erstand er schließlich Tee und schenkte diesen an seine Begleiter aus. Diese jedoch wussten nicht, wie sie sich dafür bedanken sollten, denn ihnen war eine königliche Ehre zuteilgeworden. Also erfanden sie die oben beschriebene Geste, die im Endeffekt einen Menschen auf Knien symbolisieren soll. Die Männer verbeugten sich also zwei Mal vor ihrem König.

Mit dieser Geschichte und einem letzten Aufguss Palas Supreme endet die Teezeremonie. Wir bekamen noch einmal die Gelegenheit, Fragen über China im Allgemeinen und Tee im Speziellen zu stellen und plaudern noch eine Weile. Schließlich gehen wir müde, aber angeregt nach Hause – nach etwas mehr als einer Stunde und zehn kleinen Tassen Tee. Gelohnt hat sich die Teezeremonie für uns auf jeden Fall. Einerseits wegen der Geschichten und des Einblicks in chinesische Teekultur, andererseits aber auch, weil der Tee einfach super lecker war! Es war auf jeden Fall eine neue Erfahrung und ein würdiger Abschluss unserer Zeit in den Cameron Highlands.

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* Da wir während der Zeremonie nicht fotografiert haben, haben wir für den Artikel Bilder aus dem Internet verwendet. So könnt ihr euch trotzdem ein wenig vorstellen, wie so eine Zeremonie aussieht.

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