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Aufstieg ins Dunkle, wo die Götter hausen

Immer der Masse folgen ist eine unserer ältesten Regeln auf Reisen, vor allem wenn es um Organisatorisches geht, etwa welchen Bus wir nehmen sollten oder wo der nächste Ticketschalter ist. Niemals der Masse folgen ist dann die zweite goldene Regel, und sie gilt vor allem dann, wenn wir die eigentliche Attraktion gefunden haben und uns auf die Suche nach versteckten Juwelen machen. Beide haben sich mal wieder als nützlich erwiesen als wir in Kuala Lumpur zu den Batu Caves fuhren.

Die Batu Caves (Batu = malaiisch für Stein) sind uralt, wurden einem größeren Publikum aber erst seit 1878 bekannt. Die Höhlen sind eine hinduistische heilige Stätte und für manche sind sie die wichtigste Sehenswürdigkeit in Kuala Lumpur, wenn nicht in ganz Malaysia. Dort hinzukommen war allerdings nicht ganz einfach: Die Zuglinie, die zwischen KL Sentral und den Höhlen verkehrt, war teilweise gesperrt und am Ende mussten wir uns mit gleich drei verschiedenen Fortbewegungsmitteln ans Ziel kämpfen – Taxi, Ersatzbus und Bahn. Geschafft haben wir es dank unserer goldenen Regel, immer den anderen Touristen hinterherzulaufen.

Bei den Batu Caves angekommen, entstiegen wir einem kleinen unterirdischen Bahnhof und standen plötzlich vor einem ziemlich großen Felsmassiv. Schon dieser Anblick war einigermaßen vielversprechend: Die hellen Felsen sahen aus, als wären sie vom Scheitel bis zur Sohle mit Spalten und Höhlen durchzogen, und boten zudem einer überraschen üppigen Vegetation Platz. Ungefähr so haben wir uns einen geheimen Rückzugsort für einen heiligen Schrein vorgestellt…

Auf dem Platz vor dem (vermeintlichen) Eingang zur Batu Cave machten wir dann Bekanntschaft mit einer weiteren Besonderheit dieses Ortes: den Affen. Sie waren überall, auf der Straße, in den Bäumen und auf den Felsen.

Was uns im ersten Moment faszinierte, stellte sich dann aber als eigentlich eher traurig heraus. Denn vor den Höhlen standen tatsächlich Stände, die Bananen verkauften, extra um damit die Affen zu füttern. Die Tiere wühlten einfach überall im Müll herum und klaubten die Überreste der Besucher auf. Das widersprach eigentlich allem, was wir so über den Umgang mit Wildtieren zu wissen glaubten und tatsächlich hatte das Ganze seine Schattenseiten. Keine zwei Minuten nach unserer Ankunft schnappte einer von ihnen einer Frau die offen getragene Obsttüte aus der Hand. Generell waren die Affen ziemlich aggressiv und – was wir nicht gedacht hätten – auch wahnsinnig schnell und groß. Für uns war das irgendwann nicht mehr süß, sondern traurig und wir haben uns von den Affen so gut es ging ferngehalten.

Aber nun zu schöneren Dingen und davon gab es genug: die Höhlen. Die Ramayana-Cave bot schon von außen einen verheißungsvollen Anblick. Eine riesige Statue einer hinduistischen Gottheit bewachte den Eingang, dahinter stürzte ein kleiner Wasserfall in die Tiefe, ein kleiner Steg führte über das Wasserbecken hinein in die Dunkelheit.

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Die Höhle dahinter war wunderbar stimmungsvoll. Durch einen kleinen Spalt in der Höhe fiel sanftes Licht hinein und es wurde nur langsam dunkler. Sogar ein paar Tauben flatterten über uns in der Dunkelheit. Gleichzeitig weitete sich die Höhle und das Sonnenlicht wurde langsam durch flackerndes Neonlicht ersetzt.

Ein schmaler Gang führte in den Fels hinein. Der Rand der Höhle war voller Statuen; sie bildeten verschiedene wichtige Szenen aus dem Ramayana-Zyklus ab, dem hinduistischen Schöpfungsmythos, der auch der Höhle ihren Namen gegeben hat.

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Der Mythos handelt vom Leben des indischen Prinzen Rama. Er lernt die Prinzessin Sita kennen und heiratet sie; später wird sie jedoch vom Dämonenkönig Ravana entführt, woraufhin Rama mit Hilfe des Affenkönigs Hanuman zu ihrer Rettung eilt. Eine faszinierende Geschichte und die Installationen illustrierten sie perfekt. Alle paar Schritte konnten wir ein weiteres Bild bestaunen während wir tiefer in die Höhle eindrangen – so enthüllte die Höhle schrittweise die gesamte Legende und ich zumindest war am Ende wahnsinnig gespannt, wie das Ganze ausgehen würde. Suzan empfand die Installationen in der Höhle eher als Mischung aus einem beeindruckendem Gruselkabinett und skurrilem Kitsch.

Die Aufmachung dabei war typisch hinduistisch: Die Statuen waren in bunten, fast grellen Farben gemalt und äußerst fantasievoll gestaltet. Manche von ihnen hatten Tierköpfe, andere zeigten Dämonen und bei wieder anderen gab es sogar „Special Effects“ – der brennende Schwanz des Affenkönigs wurde da kurzerhand mit einer Lichterkette symbolisiert, die man bei uns nur zu Weihnachten auspacken würde.

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Eben ein bisschen zu viel, zu bunt, zu kitschig, um unsere Vorstellungen von Ehrfurcht und religiöser Verehrung zu treffen.

Hinter der letzten Installation führte eine steile Treppe nach oben unter die Decke der Höhle, die sich dort sprunghaft weitete. Dieser Teil beeindruckte uns dann auf ganz andere Weise. Wie cool ist bitte die Natur? Wie faszinierend kann eigentlich Stein sein? Ich hätte stundenlang mit dem Finger über das Steingeländer der Treppe streichen können. Teilweise war der Stein ganz rau, dann wieder weich, fast wie Wachs, wo das jahrhundertelange sanfte Tropfen des Wassers ihn glatt geschliffen hatte. Von der Höhlendecke dagegen hingen Stalagmiten herunter und unwillkürlich fragten wir uns, wie zur Hölle die Natur solche Formen hervorbringen kann, die auf seltsame Weise stimmiger als jedes menschengemachte Kunstwerk wirken. Dazu hallte immer wieder das Gurren der Tauben durch die Höhle und rief ein dumpfes Echo hervor. Die Höhle hatte etwas wahrhaft mystisches und ich konnte gut verstehen, warum sie zu einem heiligen Ort geworden war. Für mich war das definitiv ein Gänsehaut-Moment.

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Glückselig gingen wir nach draußen – und stellten fest, dass das gar nicht die eigentliche Batu Cave gewesen war, sondern nur eine kleine Nebenhöhle. Wir hatten uns schon gefragt, warum drinnen so wenige Touristen waren… Ein paar hundert Meter weiter befand sich der Eingang zur Haupthöhle und damit man sie auch ja nicht verfehlen kann, stand eine noch gigantischere, goldene Version einer Hindu-Gottheit davor. Sie zeigt den Gott Murugan, an dessen Sieg über den Dämon Soorapadam viele der Schreine im Inneren der Höhle erinnern.

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Hinter der Goldstatue führte eine extrem steile Treppe nach oben in die sogenannte Kathedralen-Höhle und spätestens hier war uns klar: Dieser Ort will durch Größe bestechen, durch mehr. Größere Höhle, mehr Touristen, mehr Tempel, mehr Gold – aber weniger Magie. Fanden wir zumindest… Im Endeffekt hat uns die erste Höhle deutlich stärker in ihren Bann gezogen.

Aber natürlich sind wir – nach einer kurzen langen Essenspause in einem der zahlreichen leckeren indischen Restaurants – trotzdem den Berg hinaufgestiegen. Noch am Fuße der Treppe sahen wir jedoch etwas Skurriles: Ein Schild bat doch tatsächlich die Besucher, jeweils einen Ziegelstein mit nach oben zu nehmen. Hä? Erst dachten wir an einen Scherz, aber nein, tatsächlich türmte sich dort ein Haufen Ziegelsteine neben dem Eingang der Treppe. Also schnappte ich mir gleich zwei und quälte mich damit die über zweihundert steilen Stufen zur Höhle nach oben. Und oben befand sich tatsächlich eine Baustelle, wo einer der Tempel renoviert wurde, und ich meine Ziegel zu einen Haufen anderer legte. Hach, es geht doch nichts über die kleinen asiatischen Skurrilitäten… Wenn die Batu Caves irgendwann in der Zukunft also einen coolen neuen Tempel haben, dann unter anderem wegen mir!

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Die Kathedralen-Höhle war dann tatsächlich noch mal um einiges weitläufiger als die Ramayana-Cave, dafür aber auch viel voller und einfach generell touristischer. Alles war voller Schreine und Verkaufsstände, der Boden war sogar gefliest. Die schieren Ausmaße der Höhle waren natürlich trotzdem beeindruckend…

Schließlich gingen wir noch eine letzte Treppe nach oben und kamen in einen Teil der Höhle mit einem kleinen Tempel in der Mitte und offener Decke, der uns wieder besser gefiel. Die Wände der Höhle (oder ist das jetzt nur noch noch ein Loch…?) machten einen wunderbar lebendigen Eindruck; Bäume und Büsche wucherten von oben herein und gaben dem Umfeld einen frischen grünen Anstrich. Dazwischen wuselten ganze Horden von Affen herum und sahen wenigstens halbwegs danach aus, als wären sie in ihrem natürlichen Lebensraum.

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Außerdem war es hier endlich etwas leerer, sodass wir die Möglichkeit hatten, die versteckten Details der Natur zu betrachten. Besonders angetan haben es uns die kleinen Spalten und Risse, durch die Wassertropfen von der Decke rieselten. Von unten betrachtet ergoss sich ein nie endender Strom Tropfen, die aussahen wie kleine Schneeflocken. Manche der Tropfen trafen sich in der Luft und zerplatzten in Myriaden kleinerer Partikel, sodass ein feiner Sprühregen auf uns niederging. Die Schönheit der Natur, zu beobachten in den kleinen Details…

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Danach stiegen wir wieder hinaus ans Licht und machten uns auf den Heimweg. Was hatten wir an diesem Tag gelernt? Nun, einiges über hinduistische Göttermythen, was ich vielleicht etwas spannender als Suzan fand; und natürlich, dass unsere beiden goldenen Regeln nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben. Immer der Masse folgen und niemals der Masse folgen.

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