Gedanken, Random, Reisen, USA, Weltreise

California Dreaming – zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Nach Australien waren wir zunächst etwas ratlos. Wir hatten vier traumhafte Wochen hinter uns und wussten gar nicht, wie unsere nächsten Ziele da noch mithalten sollten. Außerdem schlich sich langsam die Tatsache in unser Bewusstsein, dass wir uns auf das Ende unserer Reise zubewegten. Klar – wenn man uns zu jedem beliebigen Zeitpunkt in Deutschland erzählt hätte, dass wir eine viermonatige Weltreise zu Zielen unserer Wahl vor uns hätten, wären wir in Jubelschreie ausgebrochen. Aber der Mensch ist nunmal kein rationales Wesen und egal wie oft wir uns gegenseitig daran erinnerten, was alles noch Wunderbares vor uns lag – das auf uns zukommende Ende der Reise schwebte wie ein Damoklesschwert über uns. In Australien hatten wir nämlich das erste Mal das Gefühl, dass wir genau so noch eine ganze Weile weitermachen könnten. Eine ganz lange Weile.

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Nach unserer unfreiwilligen Pause in Deutschland im Januar, hat sich auch unser Reisestil verändert. Sowohl in Prag als auch in Australien waren wir nicht mehr als typische Rucksacktouristen unterwegs. Wir haben kaum die Unterkunft gewechselt, sondern uns in unserer Wohnung bzw. dem Van häuslich eingerichtet und mehrere Wochen dort gelebt. Auch der Lebensstandard beider Länder war sehr hoch und die Kulturen der unserigen sehr ähnlich. Kurz gesagt: Wir waren uns danach gar nicht mehr so sicher, ob wir überhaupt noch so reisen konnten wie vorher in Asien – und ob wir es überhaupt wollten.

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Schon in den letzten Tagen in unserem geliebten Van wurde uns bewusst, dass wir wieder mehr Lust auf Gemeinschaft haben. Wir entschlossen uns also, noch ein letztes Workaway in unsere Reise mit aufzunehmen. Nachdem wir entschieden, dass wir über die USA nach Südamerika fliegen wollten, schrieben wir einige Gastgeber entlang dieser Route an und landeten schließlich auf einer Community Farm in Kalifornien. So wurden aus ein paar Tagen in San Francisco zweieinhalb Wochen im beschaulichen Norden des Bundesstaates (der übrigens ganz anders ist, als man sich Kalifornien vorstellt, vor allem kälter). Und wie so oft, hatten wir mit dieser Entscheidung ein Riesenglück. Die Nähe zur Natur und die Ruhe, die wir in Australien so zu schätzen gelernt hatten, blieben uns erhalten; als Bonus dazu kam das Leben in einer Gemeinschaft wunderbarer Menschen.

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Aber von vorne. Bevor wir nach Meadow Farm kamen, wussten wir nicht so genau, was uns erwarten würde. Wie bei den meisten unserer Reiseentscheidungen haben wir uns einfach auf unser Bauchgefühl verlassen. Wir wussten nur, dass es sich um eine Farm handelte, auf der mehrere Parteien lebten. Entscheidungen würden nach soziokratischen Prinzipien von einem Viererzirkel getroffen und das Ziel sei ein nachhaltiges, friedliches Leben im Einklang mit der Natur. Hörte sich ein wenig nach Hippie an, dachten wir, aber warum nicht? Nach dem Leben im Van waren unsere Bedürfnisse ziemlich weit unten angesiedelt und so zögerten wir selbst dann nur kurz, als wir erfuhren, dass es auf der Farm weder Strom noch Internet geben würde.

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Nach dem Nachtflug von Honolulu nach San Francisco und sieben Stunden im Bus freuten wir uns am meisten auf ein Bett – und wir wurden nicht enttäuscht. Unserer Gastgeberin Sojo holte uns abends von der Busstation ab und durch das beschauliche Küstenstädtchen Fort Bragg fuhren wir am pazifischen Ozean entlang.

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Dann einige Meilen auf einer Schotterstraße ins Landesinnere und tada: Vor uns lag eine riesige Lichtung inmitten hoher Redwood-Bäume. Und gleich am Anfang stand eine winzig kleine Holzhütte mit bunten Fenstern und einem rauchenden Schornstein. Unser neues Zuhause! Wir waren gleich verliebt, vor allem, als wir das unglaublich riesige Bett darin sahen. Nach dem Van war es ein willkommenes Upgrade, das gleichzeitig nichts an Naturnähe vermissen ließ! Nachts würden wir das Knistern des Kaminfeuers, das Quaken der Frösche und die Rufe der Pumas hören. Nie haben wir besser geschlafen.

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Schon in den nächsten Tagen lebten wir uns wunderbar ein und machten Bekanntschaft mit den Bewohnern der Community: Sojourna und ihr Partner Jesse, beide in den 60ern aber mit Zukunftsvisionen und einem Tatendrang, die die meisten 25-jährigen blass werden lassen würden. Shanoa und Ryan mit ihren drei Töchtern (7 Monate, 8 und 11 Jahre) und Hündin Cinnamon sowie Buzz, ein „artsy guy“ im Wohnmobil, auch in seinen 60ern. Nicht zu vergessen die vielen Schnecken, Regenwürmer, Schlangen, Echsen, Hasen, Adler, Krähen, Truthähne, Rehe, Füchse und was sonst noch an Wildtieren im Wald lebte.

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Die Menschen, die auf der Farm lebten und die wie in unserer Zeit dort trafen, hatten eines gemeinsam: Sie waren unglaublich freundlich. Nachdem wir in Hawaii einen kleinen amerikanischen Kulturschock erlitten hatten, lernten wir hier die Offenherzigkeit und Großzügigkeit der Leute zu schätzen. Schon am ersten Wochenende wurden wir auf verschiedene Veranstaltungen mitgenommen. Bei keinem Workaway wurde unsere Arbeit SO dankbar und wertschätzend angenommen wie hier und nie waren wir so frei in dem, was wir taten. Wir gärtnerten, Julian schrieb Geschichten, ich malte Bilder und durfte eine Gartenhütte verzieren, wir kochten, reparierten Dinge und spielten mit Kindern, Enkelkindern und Tieren.

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Da die Arbeit bei dem milden Klima nicht zu anstrengend war (bis auf das Beete umgraben, da fragt ihr besser Julian), hatten wir neben unserem Beitrag zur Farm viel Energie übrig, um an eigenen Projekten zu arbeiten oder einfach nur die Seele baumeln zu lassen. Ohne Strom passte sich unser Schlafrhythmus schnell an Sonnenauf- und Untergang an. Wir verbrachten fast den ganzen Tag an der frischen Luft, duschten im Freien, tranken frisches Wasser aus dem farmeigenen Brunnen, bewegten uns viel und schliefen wunderbar. Nach der unfreiwilligen Winterpause in Deutschland und Julians Schonzeit fühlten wir uns so fit wie schon ewig nicht mehr! Und dann das Essen… Frisches Grün direkt aus dem Garten, die Vorliebe der Kalifornier, alles in Tortillas zu packen und Sojos Talent in der Sauerkraut-Herstellung (und generell in der Küche) ließen jede Mahlzeit zu einem kulinarischen Fest werden. Das aller-allerbeste? In Kalifornien haben sie einfach Brot, das (mindestens) genauso gut wie deutsches Brot ist! Das ist das erste Mal, dass wir das auf der Reise erleben! Auf allen Reisen jemals! Wir mussten scheinbar erst nach Kalifornien reisen, um uns in knusprige Sauerteig-Scheiben belegt mit selbstgemachtem Sauerkraut zu verlieben!!

Einen eigenen Abschnitt unserer Meadow-Farm-Geschichte hat Moxie verdient. Von einem Wochenendausflug gleich in den ersten Tagen kam Sojo mit einem sechs Wochen alten Hundewelpen zurück. Und was für ein Welpe! Die Kleine hatte all unsere Herzen im Sturm erobert und war auch Ursprung eines kleinen Wunders: Sie hat auch Julian, der eigentlich Angst vor Hunden (oder eher Tieren im Allgemeinen) hat, in ihren Bann gezogen.

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Es ist zwar nicht in den wenigen Sekunden geschehen, in der wir anderen Moxie verfallen sind, aber nach ein paar Tagen hat er sie vorsichtig gestreichelt und kurz darauf schon im Arm herumgetragen und im Garten mit ihr gespielt. Zum Glück hatte sie da noch nicht begonnen, zu knurren, zu bellen oder in alles hineinzubeißen, was für sie nach einem Spielzeug aussah, inklusive Schuhen, Schnürsenkeln, Beinen, Händen oder Haaren… Auch wenn ein Welpe super viel Arbeit ist und wir doch recht häufig zum Puppy-Sitting eingeteilt waren, waren wir sooo froh, diesen kleinen Wirbelwind miterlebt zu haben.

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Unsere wunderbare Zeit auf Meadow Farm endete mit einem Höhepunkt. Zum Cinco de Mayo (5. März) veranstalteten wir ein Frühlingsfest für die Freunde und Bewohner der Farm. Schon Tage davor räumten wir den Garten auf, malten Schilder, schleppten Tische und Baumstämme an den richtigen Ort und stellten einen Maibaum auf. Ich malte fleißig am Wandgemälde weiter, damit es pünktlich zum Fest die Wiese schmücken konnte. Der Tag selbst war nichts, was man in Deutschland am ersten Mai vorgefunden hätte. Es gab keinen Alkohol, ein paar Leute spielten Instrumente und die Szenerie war geprägt von glücklichen Gesichtern (könnte auch an der Taco-Bar gelegen haben), herumtollenden Kindern und Hunden und freundlichen Gesprächen.

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Das Highlight war der Tanz um den Maibaum, bei dem jeder ein Band in der Hand hielt und alle gemeinsam um den Maibaum tanzten. In einem ausgeklügelten Reigen flochten wir die Bänder in einem wunderschönen Muster um den Stamm. Die Bänder repräsentieren die Lebenslinien der Menschen, die sich durch ihre Begegnungen miteinander verflechten. Besser hätten wir unseren Aufenthalt nicht abschließen können!

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Ihr könnt euch vorstellen, dass wir auch Meadow Farm mit gemischten Gefühlen verlassen haben. Ein großer Teil von uns wollte einfach die restlichen vier Monate dort bleiben. Und ein anderer Teil wusste genau, dass wir uns verabschieden müssen. Meadow Farm hat uns gezeigt, dass eine wunderschöne Lichtung im Wald keine Garantie für das große Glück ist, dass es dort aber viel leichter ist, dieses zu finden. Dass die Menschen, die im Reinen mit sich selbst und mit der Natur leben, oft die friedlichsten und zufriedensten Menschen sind. Diese Veränderung konnten wir auch in uns selbst verfolgen und das hat uns ordentlich Stoff zum Nachdenken mitgegeben.

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Es hat uns besonders fasziniert, wie eine Gruppe Menschen von einem Stück Land leben kann: Wasser kommt direkt aus dem Boden, Elektrizität kommt über Solarzellen von der Sonne, Brennholz und Baumaterial kommen aus dem Wald und Nahrung aus dem Garten. Unsere Arbeit dort hat uns inspiriert und erfüllt und wir hatten definitiv mehr Energie als meistens in Deutschland. Vielleicht, weil wir das Gefühl hatten, wirklich etwas verändern zu können. Vielleicht, weil die Menschen, mit denen wir lebten, an eine bessere Zukunft glauben, optimistisch sind und hinter ihre Hoffnungen auch Taten stellen. Was genau den Zauber der Farm ausmachte, werden wir vielleicht nie entschlüsseln. Aber gerade sind wir beide recht sicher, dass wir eines Tages zurückkehren werden um noch ein wenig mehr davon aufzusaugen.

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