Kolumbien, Reisen, Weltreise

Der Höhepunkt unserer Reise

Bogotà ist eine Stadt, die ihre schönen Seiten auf den ersten und den dritten, nicht aber den zweiten Blick enthüllt. Zur Erklärung: Unser Flug nach Kolumbien war der erste Blick. Unser Flugzeug flog scheinbar ewig lang über Berge, Wälder und fast unberührte Natur, bis wir uns schon fragten, wie sich in dieser Wildnis bitte eine Millionenstadt verbergen sollte. Unsere Vorfreude auf Kolumbien war dementsprechend hoch.

Als wir dann gelandet waren, zeigte Bogotà jedoch, warum man auf jeden Fall ein paar Tage zur Akklimatisierung einplanen sollte. Der Höhenunterschied machte sich bemerkbar. Bogotà ist mit etwa 2600 Metern über dem Meeresspiegel eine der drei höchsten Hauptstädte der Erde und – eigentlich entgegen unserer Erwartungen – merkt man das bei jedem Schritt. Man bekommt einfach nur schwer Luft (man hat beim Einatmen das Gefühl, dass man seine Lunge nicht komplett mit Luft füllen kann), jeder Spaziergang fühlt sich an wie ein Marathon und Kopfschmerzen lauern an jeder Ecke. Da Suzan noch ein bisschen angeschlagen war, verbrachten wir unsere ersten drei vollen Tage hauptsächlich in unserem Zimmer – der zweite Blick fiel ins Wasser. Dennoch, oder gerade deshalb, freuten wir uns zunächst über das angenehme Herbstklima der Stadt, es hieß, dass wir wieder mit Decke schlafen konnten! Und natürlich über den Mangel an Moskitos –  etwas, das wir an Mexiko nicht vermissen werden!

Bogotá ist, zumindest im reichen Norden, ziemlich abwechslungsreich: Parks wechseln sich mit Altbauten ab, Anzugträger laufen neben Studenten, es gibt unheimlich viele Restaurants und Läden, dazu viel Streetart – kurz: Bogotà ist unheimlich lebendig.

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Zusätzlich ist die Natur immer präsent, was der Stadt ein bisschen was von ihrer Schärfe und Hektik nimmt. Bogotà liegt in einem Talkessel und die tiefgrünen Spitzen dieser Berge sind von fast jedem Punkt der Stadt aus zu sehen. Der Anblick hat etwas beruhigendes.

Am vierten Tag machten wir uns endlich auf, die wohl bekannteste Sehenswürdigkeit der Stadt anzuschauen, den Monserrate, Bogotás Hausberg. Hinauf fährt sowohl eine Bergbahn auf Schienen als auch eine kleine Seilbahn, aber für uns hatte nur die Bergbahn geöffnet. Die Fahrt war trotzdem ein Erlebnis. Die Strecke ist unglaublich steil und wir fragten uns mit rollenden Augen, wer zur Hölle da zu Fuß hoch geht – das ist nämlich tatsächlich möglich. Schon nach wenigen Metern fing mein Herz an, schneller zu klopfen und das lag nicht (nur) daran, dass es weiter bergauf ging. Es war wie beim Theater, wenn jemand ein Bühnenbild aufbaut und man selbst durch den Vorhang hindurch einen ersten Blick darauf erhascht. Und dann zog jemand den Vorhang zu. Der Zug fuhr durch einen Tunnel, die Aussicht verschwand, und es wurde dank fehlender Beleuchtung ein bisschen gruselig.

Oben kamen wir an einer kleinen Station an. Es führte ein schmaler Weg aus behauenen Steinen nach oben zu der im Jahre 1640 erbauten Kirche, die auf dem Gipfel des Monserrate thront. Auf diese bekamen wir bald einen ersten Blick und der war schon recht schön.

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Das Wetter war gut, der Himmel weitgehend klar und doch mit ein paar Wolken verziert, die dem ganzen eine atmosphärische Stimmung verliehen. Während wir auf Bogotà selbst noch keine Aussicht hatten, konnten wir auf der anderen Seite einen Blick in die kolumbianische Berglandschaft werfen. Eine endlose Abfolge grüner, baumbewachsener Gipfel, durchbrochen von ebenso grünen Tälern. Da ist nichts. Wir bekamen ein erstes Gefühl, wie anders eigentlich diese in den Bergen gelegenen Städte in Südamerika sind und in diesem Moment freute ich mich sehr darauf, Städte wie Cartagena – die Perle der Karibik – kennenzulernen und ein paar Vergleiche anzustellen. So wie Bogotà eine vielfältige Stadt ist, muss Kolumbien ein vielfältiges Land sein. Es macht eine Stadt wie Bogotà gleich viel sympathischer, wenn man weiß, wie nahe die Natur ist.

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Auf dem Gipfel gegenüber der Kirche, dem 3317 Meter hohen Guadalupe, sahen wir übrigens noch eine Statue, die uns an eine Miniaturversion des „Christo Redentor“ erinnerte – auf den Fotos erkennt man leider nicht so viel von der Statue, weil Suzans Zoom-Objektiv immer noch kaputt ist.

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Der Weg nach oben zur Kirche war von Steinstatuen, die die Passion Christi zeigen, und einigen Blumenbeeten gesäumt. Ganz nett, aber auch verteufelt anstrengend, denn wir waren ja noch mal einige hundert Höhenmeter nach oben gefahren. 3152 Meter sind wir jetzt hoch – für uns beide ein Rekord, der wohl auch noch das ein oder andere Jahr Bestand haben wird. Die Luft hier oben war jedenfalls verflucht dünn. Das Blut hämmert in den Schläfen, die Beine sind unheimlich schwer und Suzan bekommt wieder Kopfschmerzen. Sich länger zu unterhalten ist fast unmöglich, da man zwischendrin immer nach Luft schnappen muss.

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„Hast du…japs…den Kolibri…hechel…gesehen?“

„Nein…hust….wo… ächz…war der denn?“

So oder so ähnlich unterhielten wir uns dort oben.

Zum Glück ist der Weg nicht lang. Schon nach ein paar Meter erreichen wir die ersten von einer Vielzahl an Aussichtsplattformen und haben einen traumhaften Blick auf die Stadt. Der Vorhang ist gefallen! Die Bühne liegt offen dar und acht Millionen Schauspieler haben darauf Platz genommen.

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Dieser erste Blick auf Bogotà erschlägt uns fast. Häuser, über Häuser, Stadtviertel, Straßen, Hochhäuser, alles zusammengedrängt in ein Tal, wobei die Ränder allmählich auf die Hänge im Umland überschwappen. Es kommt uns vor wie ein Geschwür, das darin gelandet ist und sich jetzt unaufhaltsam seinen Weg in die Landschaft frisst. Wobei „Geschwür“ eigentlich zu negativ ist. Ich betrachte die Stadt auch mit einer gehörigen Portion Bewunderung. Wie eine solche Stadt inmitten der kolumbianischen Anden entstehen kann ist ein Zeichen für menschliche Genialität, aber auch für Hybris, für Größenwahn – oder irgendetwas dazwischen. Was für ein Moloch!

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Man kann einfach nicht in Worte fassen, wie gewaltig groß diese Stadt ist. Die Bilder können es auch nicht zeigen, Suzans Zoom-Objektiv (in diesem Fall zum Heraus-Zoomen) war wie gesagt kaputt; auf jedem einzelnen Foto gehen die Häuser und Viertel außerhalb des Bildes noch kilometerweit weiter. Vielleicht können es tatsächlich Zahlen am besten sagen: Bogotàs Metropolregion hat eine Fläche von 4321 km2, das ist etwa fünf Mal so groß wie Berlin und halb so groß wie Melbourne, das uns ja ebenfalls riesig vorgekommen war. Aber Melbourne kann man eben nicht von einem Gipfel aus in seiner Gesamtheit betrachten…

Bei diesem Anblick wurden bei mir übrigens Erinnerungen an eine ebenso wahnsinnige Aussicht wach: die vom Wat Saket in Bangkok, wo wir das erste Mal diese verrückte Metropole mit ihren Wolkenkratzern, Slums und goldverzierten Tempeln begriffen. Der Kreis unserer Weltreise schließt sich allmählich…

Von hier oben erkennt man übrigens recht gut, wie zweigeteilt Bogotà ist: in einen reichen Norden, den wir leicht daran erkennen, wie viele grüne Inseln dort im Stadtbild auftauchen und einen armen Süden, wo diese fehlen. Dazwischen liegt die Altstadt, La Candelaria, wo wir untergekommen sind. (Unser Zimmer liegt gleich neben den drei blau-grünen Hochhäusern…)

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Außer der Aussicht kann man auf dem Monserrate noch die schon angesprochen Kirche besichtigen. Sie hat uns jetzt nicht aus den Socken gehauen, aber war trotzdem ein ganz netter Anblick.

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Weitaus größere Bedeutung hat sie allerdings für die Kolumbianer und generell Gläubige; der Schrein des El Senor Caido zieht anscheinend noch immer regelmäßig Pilger aus aller Welt an. Und tatsächlich sahen wir dort oben mehr als nur eine Handvoll Nonnen in Ordensgewändern und eine sehr laute christliche Reisegruppe, die vor der Kirche mit viel Rufen und Gelächter eine Art Zeremonie abhielten.

Nach dieser kurzen Besichtigung fuhren wir übrigens schnell wieder nach unten, weil die Höhenluft uns langsam wirklich zu schaffen machten. Trotzdem hat sich der Ausflug gelohnt und weiter dazu beigetragen, dass Bogotà sich allmählich zu einer meiner Lieblingsstädte auf unserer Reise entwickelt. Es war wie mit der Apfelszene bei Wilhelm Tell: Manchmal reicht ein einziger Akt, um ein Theaterstück unvergesslich zu machen.

 

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