Italien, Reisen

Die vielen Gesichter Venedigs

Venedig ist eine außergewöhnliche Stadt – das wissen wahrscheinlich die meisten, die auch nur einmal ein Bild der Lagune, der Kanäle und der berühmten Gondoliere gesehen haben. Auch wir hatten eine tolle Zeit in Venedig, haben viel gesehen, gestaunt und uns von dem besonderen Charme der schwimmenden Stadt verzaubern lassen.

Am außergewöhnlichsten für uns waren aber gerade die vielen Gesichter, die Venedig zu bieten hatte, je nachdem, ob wir aus der Ferne oder aus der Nähe oder mitten heraus aus dem Gewirr der Gassen darauf blickten. Je nachdem, welche Vergrößerung wir für diese Stadt wählten, präsentierte sie uns ein völlig anderes Bild. Daher will ich unseren Aufenthalt in Venedig auch nicht chronologisch beschreiben, sondern je nachdem unter welchem Brennglas wir die Stadt gerade betrachteten.

Die Fernansicht

Ganz am Ende, kurz vor der Heimfahrt, fuhren wir mit einem der typischen Busboote von der Insel Lido zurück zur Bushaltestelle auf dem Festland vor Venedig. Am Himmel standen dunkle Wolken, es regnete leicht und der Wind peitschte die Wellen der Lagune auf. Wir standen draußen auf dem Boot und froren zum ersten Mal, seitdem wir in Italien waren. Ein einziger heller Blitz zuckte über den Himmel. Donner. Sturmwolken. Und Venedig sah in diesem Moment so schön aus wie nie zuvor. 

Gerade aus der Ferne, vom Wasser aus, sahen die Häuserfassaden der Stadt wunderbar bunt und altmodisch verspielt aus. Dank der vielen vorgelagerten Insel gibt es in alle Richtungen etwas zu sehen. Venedig hat keine Wolkenkratzer, daher sind die zahlreichen Kirchtürme die höchsten Gebäude, die aus dem Häusermeer herausragen. Ein bisschen sieht es aus, als ob die Zeit stehen geblieben ist. 

In diesen Momenten, in der Frontale, sah Venedig für uns am ehesten aus wie ein Postkarte – egal ob bei Sturm oder bei Sonne.

Die Nahansicht

In Venedig kann man sich verlaufen. Natürlich. Die Hauptinsel der Stadt ist ein unübersehbares Labyrinth von kleinen und etwas größeren Gassen, Kanälen und Brücken. Manche Gassen sind überdacht, manche so eng, dass keine zwei Menschen nebeneinander passen. Man sieht immer nur bis zur nächsten Kreuzung. Was kommt danach? Noch eine Gasse? Ein Kanal? Eine Brücke? Oder ein kleiner Eckladen, ein Innenhof, ein Platz? Man weiß es immer erst, wenn man davor steht.

Und noch auf dem Weg dorthin gibt es so viel zu entdecken. Türen zum Beispiel (ich kann nicht beschreiben, wie viele Fotos von Türen Suzie in Venedig gemacht hat). Steinere Köpfe an den Häuserfassaden. Lampen, die die Gassen erhellen. Süße kleine Läden voller Muranoperlen, Notizbüchern und Federkielen. Und noch so viel mehr. Es gibt keine Autos, keine Fahrräder. Dank Corona war es wunderbar leer. Diese Momente, in denen wir einfach ziellos durch die Gassen stromerten, waren für uns die schönsten in Venedig, weil es so unglaublich viel zu entdecken gab.

Die mittlere Ansicht

Von nah und von fern konnten wir Venedig also einiges abgewinnen. Aber was ist mit der Mitte?
Dazu sollte ich erst einmal erklären, was ich mit der Mitte meine. Panoramaansichten von Venedig zeigen unglaublich viele Häuser, Fassaden, Boote und Kanäle auf einmal. Im Ganzen sind sie – wie oben beschrieben – beeindruckend, aber was passiert eigentlich, wenn man sich ein einziges dieser Objekte oder einen Abschnitt genauer ansieht?

Die Antwort ist – es sieht ziemlich heruntergekommen aus. Das trifft auf ganz Venedig zu. Hinter der Fassade der wunderschönen Lagune verbirgt sich eine Stadt, an der der Verfall nagt. Putz bröckelt, Farbe blättert ab, Steine verfallen und in den Kellern, durch deren Fenster man hineinsehen kann, ist oft alles vollgestopft mit Gerümpel. Dieser Verfall schafft Atmosphäre. Nur eben ein düstere, die nicht ganz in Einklang gehen will mit den fröhlichen Bildern, die wir von Venedig mit seinen Kanälen, Karnevalsmasken und Gondeln kennen. Irgendwann sagte Suzie beim Stromern durch die Gassen zu mir, sie fühle sich hier ein bisschen wie in einem Museum.

Oder in einem Grab, erwiderte ich.

Venedigs Schönheit ist auch eine schaurige Schönheit.

Venedigs Inseln und der Rest

Obige Betrachtungen beziehen sich auf Venedig als Ganzes. Daneben haben wir natürlich aber auch die meisten Sehenswürdigkeiten der Lagune angesehen und die Inseln Murano, Burano und Lido besucht, auf denen sich die Sache teilweise ganz anders darstellt. Die Sehenswürdigkeiten wie etwa die Rialto-Brücke oder die Plaza San Marco fanden wir dabei wie so oft ganz nett, aber auch nicht herausragend schön. Die goldenen Wandbemalungen der Kathedrale und die Säulenfassaden waren schon beeindruckend.

Besser gefallen hat uns dagegen Burano. An dieser Stelle lasse ich wieder Suzies Bilder sprechen, die die Schönheit der bunten Häuser viel besser zu fassen kriegen als Worte.

Murano war ebenfalls ganz nett, entfaltet sein volles Potenzial aber vermutlich nur, wenn man auf Glasschmuck und Schaufensterbummel steht.

Lido bietet vor allem eines – Badestrand – nach dem wir nicht unbedingt gesucht haben, ist einen ausgedehnten Spaziergang aber allemal wert. Und die Reise mit dem Boot zwischen den Inseln können wir sowieso nur empfehlen.

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